SWR2 Buch der Woche vom 01.05.2017

Annette Mingels: Was alles war

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Annette Mingels erzählt mit ihrem neuen Roman "Was alles war" die unterschiedlichsten Familienkonstellationen. Sie lässt ihre Figuren durch das gesellschaftliche Minenfeld zwischen „Patchworklüge“ und liberalem Familienkonzept irren; der institutionelle Rahmen des Zusammenlebens steht auf dem Prüfstand der Gefühle: Ehe und Elternschaft, Wiederheirat und Adoption.

Ein großes Beziehungsgeflecht wird in diesem sehr emotionalen Text ausgebreitet; es geht nicht um starre Werte, sondern um die verändernde Kraft von Wahlverwandtschaften. Ein Buch, das sich wie ein echtes Stück Leben anfühlt. Beeindruckend.

Familien als Sinnbilder von Bluts- und Wahlverwandtschaften

Der Einzelne in Gruppen oder der Gesellschaft, das ist ein Thema, das sich durch das Werk von Annette Mingels zieht. Die 1971 geborene Schriftstellerin, Dozentin und Journalistin hat schon in Germanistik zu Kierkegaard und der „Kategorie des Einzelnen“ promoviert.

In ihren Romanen thematisiert sie intensive Beziehungen, die oft voller Enttäuschungen stecken, mal durch Fremdgehen (wie in „Die Liebe der Matrosen“ und „Tontauben“), mal durch einen jähen Tod (wie in „Der aufrechte Gang“); mal entdecken sich Zwillinge nach Jahren des Getrenntlebens und verfallen sich in einer verbotenen Beziehung („Romantiker“).

Familien als Sinnbilder von Bluts- und Wahlverwandtschaften spielen auch im neuen Roman eine große Rolle: „Was alles war“ erzählt die Geschichte einer Frau, die zwischen leiblichen Eltern und Adoptiveltern steht und zudem neue Familienmodelle lebt.  

Die leibliche Mutter: eine Fremde

Im schicksalhaften 30. Jahr wartet man eigentlich auf positivere Überraschungen, als die Meeresbiologin Susa sie erhält: Das zuständige Amt vermeldet: Ihre leibliche Mutter suche Kontakt. Denn Susa wurde einst adoptiert, und wenig später steht sie an einem Flughafen in Norddeutschland einer gänzlich fremden Frau gegenüber:

Viola, grauhaarig, jettet zwischen San Francisco, La Gomera und Indien herum, schwingt tänzerisch ihren Seidenbeutel, faselt esoterisch von Baumhoroskopen, lebt von Übersetzungen und Gönnern. Insgesamt hat sie vier Kinder von vier Männern – allesamt weggegeben. Ihre Flucht aus der Verantwortung weiß Viola wortreich zu rechtfertigen mit pathetischen Reden von Karma und Freiheit. Susa fühlt sofort: Mit Viola als Mutter wäre sie in der Klapse gelandet.

"Was alles war" ist teilweise autobiographisch

Annette Mingels wagt sich in ein gesellschaftliches Minenfeld zwischen „Patchworklüge“ und liberalem Familienkonzept zwischen wiederverheirateten oder gar homosexuellen Paaren. Sie plädiert stark für die Wahlverwandtschaft, lässt Susa Henryk, einen verwitweten Literaturwissenschaftler mit zwei Töchtern, heiraten und von ihm schwanger werden. Kein Zufall, sondern ein Lebensthema der Autorin. 

Wer googlet, findet Mingels' Artikel über ihre eigene Begegnung – die Mutter ähnelt Viola frappierend. Stellenweise klingt der Roman wie eine Abrechnung mit einer ganzen Generation, mit den Schattenseiten der Emanzipation und Individualisierung. Dabei findet es Mingels an Viola eigentlich verantwortungsvoll, sich die eigene Unfähigkeit einzugestehen und ein Kind zur Adoption freizugeben.

Der Roman untersucht verschiedenste Bindungsformen

Der Roman ist eine Verarbeitung, aber viel mehr noch eine Untersuchung vieler Bindungsformen: von traditionellen Elternhäusern zu unfruchtbaren Pärchen, von verliebten Teenagern bis zu verbitterten, geschiedenen Expartnern. Ein Student sucht in Susa eine Mutterfigur für sein Comingout, Henryk habilitiert sich über die unmögliche Liebe der Minnesänger. Und Susa steht irgendwann mit ihrem eigentlich doch geliebten Neugeborenen so neben sich, dass die Perspektive in die dritte Person wechselt. 

Die Familie ist im Roman durchweg nicht nur Keimzelle der Gesellschaft, sondern auch Quell großer existentieller Tiefe – gerade das rechtfertigt ihre Formenvielfalt. Nicht nur Familienkonstellationen, auch die Perspektiven in ihnen spielt Annette Mingels durch: Vom Kindsein über den Stress der Sandwich-Generation mit Kleinkind und gebrechlichen Eltern bis zum eigenen Vergänglichkeitsbewusstsein. Susa findet hier für den schönen Kernsatz des Buches: „Beraubt und beschenkt steht sie da.“

Adoption als Sinnbild der Anpassungsbereitschaft im Leben

Adoption, das ist hier kein Symbol der Geworfenheit, eines modernen Individuums ohne Nestwärme, wie etwa in A.M. Homes' „Die Tochter der Geliebten“ und ähnlichen Romanen,  sondern eher ein Plädoyer für unsere Anpassungsbereitschaft im Leben allgemein. Immer wieder wackelt es im komplexen Patchworkmobile: Ein Treffen mit dem Halbbruder beispielsweise endet beinahe erotisch. Nachdem die Erschütterung durch die aufgetauchte leibliche Mutter fast überwunden scheint, wird Susas Adoptivvater an Speiseröhrenkrebs sterben. Und fast schon fiebrig wird Susa bis in die USA reisen und ihren leiblichen Vater suchen – also jenen Mann, mit dem ihre leibliche Mutter Viola vor Jahrzehnten einige wilde Wochen erlebte.

Direkte Rede bleibt in Mingels' Roman aus

Von Annette Mingels ist der Leser eher einen kühlen Ton gewohnt – dafür ist das Buch ungewohnt emotional geworden. Dazu mag beitragen, dass sie fast komplett auf die direkte Rede verzichtet und mehrfach Passagen schafft, bei denen oft kurz in der Schwebe bleibt, ob Susa bei all den aufgestauten Gefühlen etwas nur denkt oder schon ausspricht. Kein kammerspielartig kleines Labor ist hier zu besichtigen, sondern ein ganzes Beziehungsgeflecht – und das hat auch Annette Mingels' Schreibprozess verändert. 

Ja, ein Schock wird am Ende stehen, wieder einmal ganz schicksalhaft unvorhersehbar. Es ist keine klassische Heldinnenreise, deren Ziel von vorneherein feststeht. Eher ein Buch, das von den Charakteren getragen wird und von den auf sie einwirkenden Kräfteverschiebungen. Es fühlt sich an wie ein echtes Stück Leben.  

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