SWR2 Buch der Woche vom 26.12.2016

Aus dem Niederländischen von Christiane Kuby und Herbert Post

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Aus dem Niederländischen von Christiane Kuby und Herbert Post

Ein schmales Werk – und doch ein Klassiker! Der niederländische Autor Jan Hendrik Frederik Grönloh, der sich Nescio nannte, legte zeit seines Lebens nur eine Handvoll Erzählungen vor. Die aber gehören fest zum Literaturkanon der Niederländer. Jetzt sind die Erzählungen in einem vollständigen „Werke“-Band auf Deutsch erschienen. Eine wunderbare Entdeckung und eine Wiederentdeckung!

„Nescio“ bedeutet auf Latein: Ich weiß nicht. Kaum zu glauben, dass diese Indikativ-Verbform in der ersten Person Singular ein Autor als Pseudonym gewählt hat. Hinter „Nescio“ verbirgt sich der holländische Schriftsteller Jan Hendrik Frederik Grönloh.

Die Niederlande – und Flandern – waren dieses Jahr Gastland auf der Frankfurter Buchmesse. Da passt es gut, dass der Suhrkamp Verlag Nescios „Werke“ herausgebracht hat.

Die Protagonisten üben sich im Nichtstun

„Man müsste einfach nur still dasitzen und sich sehnen, ohne zu wissen, wonach.“ Diesen vagen Existenzwunsch legt der Autor Nescio einem seiner jungen Helden in den Mund. Das ist eine doch etwas umfassendere Aussage als das schlichte „Nescio“, das „Ich weiß nicht“. Die Protagonisten in seinen Erzählungen sind holländische Bohemiens, wenn man so will Taugenichtse, die auf die gute Gesellschaft pfeifen.

Japi, die Hauptfigur seiner frühesten Erzählung „Der Schnorrer“ fasst sein existentialistisches Lebensprogramm in wenigen Worten zusammen: „Ich bin nichts und ich tue nichts. Eigentlich tue ich noch viel zu viel. Ich übe mich im Verlöschen.“ Langsam zu „verlöschen“, meint nicht radikale „Auslöschung“, also Selbstmord. Japi lässt sein Leben dahingleiten.

In der Zwischenzeit schnorrt er junge Bohemiens an, die seine Lebensart höchst interessant finden. Sie geben ihm zu essen und zu trinken – egal ob Tee oder Schnaps –, er raucht ihre Zigarren und manch einer leiht ihm einen Mantel, den er dann nie wieder sieht. Die jugendlichen Freigeister, die an Japis Existenzform des langsamen Verlöschens Gefallen gefunden haben, heißen Bavink, Hoyer, Kees, Bekker. Sie tauchen auch in anderen Erzählungen Nescios auf. Dazu kommt noch Koekebakker, also Herr „Kuchenbäcker“, der zweitweise in der Ich-Form das Geschehen erzählt.

Nescios Werke sind Zeitkritik eines Geschäftsmanns

Der Autor selbst lebte keineswegs ein Bohème-Leben: Unter seinem bürgerlichen Namen Jan Hendrik Frederik Grönloh agierte der 1882 geborene Autor als einer der Direktoren der Holland-Bombay-Handelsgesellschaft, war also ein geachteter Geschäftsmann. Unter seinem Pseudonym „Nescio“, das er lange nicht lüftete, schrieb er zeitkritische Erzählungen.

Seine Helden, die fünf Künstlernaturen, verachten die sogenannte „gute Gesellschaft“ Hollands: Dick, aufgeblasen, selbstgefällig sind die Standesvertreter, nach außen gibt man sich protestantisch zugeknöpft, doch hinterrücks werden unmoralische Geschäfte gemacht. Der „Gott der Niederlande“, denken sie, trägt Zylinder und Gehrock, und hat eine Taschenuhr aus Gold.

Die meisten seiner zehn Erzählungen hat der Autor in den Jahren 1909 bis 1919 verfasst. Der bürgerlichen Gesellschaft dieser Tage wollte er den Spiegel vors Gesicht halten. Seine Strategie dabei ist höchst bemerkenswert: Er beschreibt nicht die Vertreter der besseren Gesellschaft, erzählt also nicht vom Zentrum aus, sondern von der Peripherie: Seine fünf junge Männer, die Maler werden wollen, Gedichte schreiben, philosophieren, und damit die Welt verändern wollen, stehen sozial mit dem Rücken zur Wand und beobachten von hier aus das gesellschaftliche Treiben.

Die Tragik dabei: Einige der fünf Freunde wollen das unkonventionelle Leben schließlich wie eine Hülle abstreifen und sich in die gute Gesellschaft eingliedern. Manchem gelingt es, manch einer scheitert und ist dann noch ärmer dran.

Im Zentrum der Erzählungen stehen Gott und die Natur

Zwei Elemente fallen in Nescios Erzählungen besonders auf. Da ist einmal die Natur. Obwohl das Geschehen zumeist im städtischen Bereich, konkret in Amsterdam spielt, bilden die Naturbeschreibungen eine Art Abbild des Seelenlebens der Protagonisten: Doch hinter der Natur taucht noch ein anderer Akteur auf: Gott. – „Absichtslos sitze ich da, Gottes Absicht ist die Absichtslosigkeit. Doch keinem Menschen ist es gegeben, sich dessen fortwährend bewusst zu sein“ – so steht es in der Erzählung „Kleine Titanen“.

Der Gott der fünf Bohemiens ist weder ein Gott, der einem beim Geschäftemachen hilft, noch einer, der nahe Erlösung verspricht. Dieser Gott ist anwesend, während man in der bestehenden Gesellschaft das „Verlöschen“ seiner eigenen Existenz probt – so wie es Japi in der Erzählung „Der Schnorrer“ als Programm formuliert hat.

Und der Autor sagt, indem er sich „Nescio“ nennt: „Ich weiß nicht.“ Nescio, alias Jan Hendrik Frederik Grönloh, weiß nicht, wie alles am Ende ausgehen wird. Er will kein allwissender Erzähler sein. Doch er kann mit zarten, klugen Worten und genauen Beobachtungen, mit Melancholie und Ironie das Leben beschreiben. Diesen niederländischen Autor als Leser zu entdecken, ist daher eine höchst lohnende Angelegenheit. Dieser Nescio weiß mehr über Himmel und Erde, als er in seinem bürgerlichen Leben zugeben wollte. – Mit weiser Einsicht schreibt er: „Die, die Gott wirklich vor allen anderen liebt, müssen die Last dieser Liebe tragen bis ans Ende.“

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