SWR2 Buch der Woche vom 27.11.2016

Prinzipien für eine vernetzte Welt

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Prinzipien für eine vernetzte Welt

In einer Zeit, in der unendlich viel in zahllosen Internetmedien getextet wird, plädiert der englische Historiker für eine Stärkung der freien Rede und Gegenrede, des Diskurses. Das einzige Mittel gegen schlechte Rede, so Garton Ash, ist mehr und bessere Rede. So fordert er uns auf, gegen inakzeptable Äußerungen mit besseren Worten einzuschreiten, individuell wie kollektiv.

Dieser immer wiederkehrende Appell an die Zivilgesellschaft, dieses uns selbst ernst und in die Pflicht nehmen, macht das Buch so wertvoll. Denn trotz aller gegenläufigen Mächte im Netz liegt es vor allem an uns, wie das Leben in der global vernetzten Welt gestaltet wird.

Sinn und Unsinn des Internets

Der Oxford-Professor beginnt sein Buch mit den Schattenseiten der grenzüberschreitenden Meinungsfreiheit, der fast ungehinderten Verbreitung von Pornographie, Hass und Gewalt. Er ist im Gegensatz zu vielen Internetapologeten so klug, nicht zu leugnen, dass das Netz zwar auch Nützliches und Sinnvolles enthält, vor allem aber die größte Kloake der Menschheitsgeschichte ist.

Gleichwohl ist Timothy Garton Ash alles andere als ein Fatalist oder Befürworter der starken Hand, die Ordnung ins Chaos bringen und den Müll beseitigen will. Ganz im Gegenteil, Garton Ash ist ein Liberaler, der statt Zensur und Gefängnis mehr Mut zum Disput fordert. Denn was wir brauchen, so seine These, um uns gegen wachsenden Unsinn und Extremismus zu wehren, sind nicht mehr Zäune, Repression und Einschränkungen der Freiheit, sondern mehr freie Rede und vor allem eine bessere Qualität der Rede.

Prinzipien für die freie Rede

Dieser immer wiederkehrende Appell an die Zivilgesellschaft, dieses uns selbst ernst und in die Pflicht nehmen, macht das Buch des Historikers so wertvoll. Denn trotz aller gegenläufigen Mächte im Netz liegt es vor allem an uns, wie das Leben in der global vernetzten Welt gestaltet wird. Im Gegensatz zu vielen Politikern misstraut Garton Ash also nicht der Bevölkerung, hat keine Angst vor ihrer Mündigkeit oder Unmündigkeit, sondern glaubt an den kritischen Geist und die Überzeugungskraft des Wortes. Er will Freiheit als absoluten Wert der Demokratie verteidigen. Und Meinungs- und Redefreiheit, selbst wenn sie in dümmster Form genutzt wird, ist die oberste aller Freiheiten.

Diese Position steht im Gegensatz zur Entwicklung der vergangenen zwanzig Jahre, in denen Überwachung und Kontrolle, Repression und Bevormundung weltweit immer mehr zunahmen. Und sie grenzt sich auch von den libertären Internetpionieren ab, die durch ihre Illusion einer vollständigen Abwesenheit von Kontrolle das Internet gerade zu dem Überwachungsmonster und der Kloake haben werden lassen, die es heute ist.

Begründen will Garton Ash damit nicht weniger als einen universalen Universalismus, der nicht die Position des Westens dem ganzen Erdball aufoktroyiert, sondern der durch die Festlegung von Prinzipien der freien Rede versucht, gerade die Spannung zwischen unterschiedlichen Werten und Normen auszuhalten, also mit ihnen zu leben. Die Mittel, die er dabei für die Einhaltung der Prinzipien vorschlägt, reichen von freiwilliger Höflichkeit bis zu Gefängnisstrafen.

Freie Meinungsäußerung und grenzenloser Informationsaustausch

Zwei Prinzipien stehen über allen anderen: dass alle Menschen in die Lage versetzt und befähigt werden, ihre Meinung frei äußern zu können und grenzenlos Informationen auszutauschen, und dass gewaltsame Drohungen und Einschüchterungen inakzeptabel und strafrechtlich zu verfolgen sind. Diese beiden Prinzipien liegen allen folgenden zugrunde: jede Chance der Wissensverbreitung zu nutzen, ohne Tabus, über unzensierte, vielfältige und vor allem vertrauenswürdige Medien zu verfügen, offen über alle Unterschiede reden zu können, alle Gläubigen zu respektieren, nicht aber unbedingt alle Glaubensinhalte, unsere Privatsphäre schützen und Einschränkungen der Informationsfreiheit entgegentreten zu können, vor allem, wenn sie mit dem Schutz der nationalen Sicherheit begründet werden, alle Kommunikationsmittel gegen illegitime Eingriffe privater und staatlicher Mächte zu verteidigen und schließlich eigene Entscheidungen zu treffen und dafür auch die Konsequenzen zu tragen.

Mittel gegen inakzeptable Äußerungen

Der Historiker erläutert diese Prinzipien in einer gründlichen und anschaulichen Darstellung, die sich durch eine geradezu weise Argumentation auszeichnet und durch eine wohltuende Unaufgeregtheit. Und er drückt sich nicht vor unbequemen Fragen, etwa beim Thema der Pornographie oder der Grenzziehung zwischen auszuhaltender Hassrede und inakzeptabler Aufforderung zu Gewalt. Dabei plädiert er zumeist gegen juristische Mittel und Repression, vor allem, weil sie nicht die beabsichtigte Wirkung zeigen, also etwa Holocaustleugner nicht an der Verbreitung ihrer Ideen hindern, sondern ihre Popularität durch den Nimbus der Verfolgung weiter steigern, wie zahlreiche Beispiele belegen.

Getreu seinem Motto, das einzige Mittel gegen schlechte Rede sei mehr und bessere Rede, vertraut Garton Ash also vor allem uns Nutzern die Aufgabe an, gegen inakzeptable Äußerungen mit besseren Worten einzuschreiten, individuell wie kollektiv. Keine Tabus also, was nicht bedeutet, dass Verfälschungen oder Missachtungen einfach hinzunehmen sind, im Gegenteil: sie müssen offen und entschlossen angefochten werden, von uns allen.

Bedrohung durch Monopole wie Google, Apple oder Facebook

Anschaulich und zahlreich sind auch die praktischen Vorschläge des Historikers, etwa bezüglich der Verbreitung von Pornographie oder anstößigen Inhalten im Netz: Hier plädiert er für das Ein-Klick-entfernt-Prinzip, bei dem wiederum der einzelne mündige Nutzer selbst entscheidet, nachdem er gewarnt wird. Oder die Einrichtung staatlich geförderter Schiedsverfahren, damit sich Einzelpersonen gegen falsche Mediendarstellungen wehren können, wie auch die steuerliche Begünstigung von Medien, die sich anspruchsvollen Veröffentlichungskodexen anschließen, um Qualität zu gewährleisten.

Gerade den Medien und den Schulen bescheinigt Garton Ash nämlich eine wesentliche Aufgabe, die sie immer weniger wahrnehmen: durch Pluralismus die Menschen zu befähigen, freie Rede ausüben zu können, also medien- und meinungsmündig zu werden, und staatlichem und privatwirtschaftlichem Machtmissbrauch entgegenzutreten, somit politik- und entscheidungsfähig zu sein. Denn bei allen ehrenhaften Worten weiß der Liberale nicht nur, dass seine liberale Position von vielen als zu weich oder nachsichtig aufgefasst werden wird.

Er weiß vor allem, dass unsere Meinungs- und Redefreiheit heute zwar einerseits von Fundamentalisten bedroht ist, andererseits aber vor allem von Monopolen wie Google, Apple oder Facebook. Ob diese Konzerne es in Verbindung mit den staatlichen Mächten schaffen, unsere Welt in immer kleinere Echokammern aufzuteilen, in denen sich Gleichgesinnte nur noch ihre eigene Meinung bestätigen und Andersdenkende mit Hass und Spott überschütten, oder ob der ganze Freiraum des Denkens und Disputs offen steht, in dem Meinungsfreiheit erst zu dem wird, was sie ist, hängt in erster Linie von uns ab.

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