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"Die Jahre im Zoo" und "Tage und Werke"

Zum Ende des Jahres noch zwei echte Überraschungen. Durs Grünbeins Buch "Die Jahre im Zoo" über seine Dresdner Kindheit und Jugend ist auch ein Buch über das Kaleidoskopische an sich: man schüttelt kurz, und beim nächsten Blick ist alles wieder neu.

Und Peter Handke verblüfft mit seinem Buch "Tage und Werke" als sehr guter Literaturkritiker, der in jungen Jahren zwischen 1964 und 1966 für die "Bücherecke" des Österreichischen Rundfunks Rezensionen verfasste: hochdifferenziert und analytisch. Noch heute ein Gewinn, sie wieder zu lesen.

Überraschungen statt Beiläufigkeiten

Von Durs Grünbein und Peter Handke erscheinen regelmäßig Bücher, manchmal in jeder Saison ein neues. Es handelt sich um zwei der berühmtesten Gegenwartsautoren, und da werden auch Gelegenheitsarbeiten, Beiläufigkeiten und Randnotizen sofort in Buchform gepresst. Deshalb ist man bei einer Neuerscheinung von Grünbein oder Handke oft nicht mehr ganz so elektrisiert wie am Anfang: wird es nicht wieder bloß eine Ansammlung von Zeitungstexten sein, von Reden und Laudationes, von schnell dahingeworfenen Impromptus? Jetzt aber, im Herbst 2015, wird man von beiden Autoren auf vollkommen unterschiedliche Weise überrascht.

Handke als Literaturkritiker

Peter Handkes Buch "Tage und Werke" sieht auf den ersten Blick genauso aus wie all seine Aufsatzbände, die im Lauf der Jahre erschienen sind. Seine Vor- und Nachworte, seine ausschweifenden Entdeckungen sind nach wie vor schön, oft richtig schwärmerisch und enthusiastisch, ob es um Carlfriedrich Claus und Franz Mon geht oder um Romain Rolland und Stefan Zweig – aber die eigentliche Sensation findet sich am Ende des Buches.

Zwischen Dezember 1964 und September 1966, noch vor seiner Berühmtheit, hat Handke für die "Bücherecke" des Österreichischen Rundfunks, Studio Graz, nämlich Rezensionen verfasst. Er ist in der Öffentlichkeit also zuerst als Kritiker aufgetreten, und da merkt man auf. Diese Fundstücke sind bis jetzt in den Grazer Rundfunkarchiven in irgendwelchen entlegenen Schubladen vor sich hin verblättert und verstaubt, man wusste von ihnen, hat sich aber nie richtig mit ihnen befasst – jetzt aber sind sie endlich nachzulesen. Und sie sind lang und eingehend, hochdifferenziert und analytisch.

Großartige Auseinandersetzungen, scharfsinnige Analysen

Es ist verblüffend, wie souverän Peter Handke die Sprache des Kritikers handhabt, wie sachlich er argumentiert, mit welcher Lust er die Rolle des Kritikers einnimmt – genau das also, was er bei einzelnen Vertretern dieser Spezies so oft als verabscheuungswürdig gebrandmarkt hat. Manches Exemplar hat er sogar öffentlich geohrfeigt! Und einen Großkritiker hat er einmal in einem fulminanten Prosatext gar als mörderischen, beißwütigen riesigen Hund porträtiert, als Bestie!

Und jetzt: Großartige Auseinandersetzungen mit Cesare Pavese oder Julien Green, eine inspirierende Kritik der "Mythen des Alltags" von Roland Barthes, direkt nach ihrem erstmaligen Erscheinen, oder eine bravouröse Finte, mit der er Theodor W. Adorno nachweist, dass dieser dem Jargon Heideggers, obwohl er ihn zu bekämpfen vorgibt, gleichzeitig zu erliegen droht. Das ist wirklich eine schöne Erkenntnis: Peter Handke ist ein sehr guter Literaturkritiker!  

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Dresdner Kindheit mit Bohème-Anmutungen

Durs Grünbein indes hat in seinen autobiografischen Aufzeichnungen "Die Jahre im Zoo" noch einmal buchstäblich aus dem Vollen geschöpft: er beschreibt plastisch, sinnlich und mit vielen unerwarteten Wendungen seine Dresdner Kindheit und Jugend, genauer: die Atmosphäre seiner Sozialisation in der Gartenstadt Hellerau, die von Lebensreformern zu Beginn des 20. Jahrhunderts gegründet wurde. Die "Deutschen Werkstätten" etwa stellten dort zum ersten Mal leichte, praktische Möbel in Serienproduktion her, während im daneben gebauten "Festspielhaus" tänzerische und theatralische Darbietungen die Moderne umkreisten.

Grünbein gewinnt dieser Dresdner Atmosphäre, den frühen Bohème-Anmutungen in Hellerau immer wieder neue Facetten ab und lässt unter der Hand ein ungemein suggestives literarisches Netzwerk entstehen.

Grünbeins spezifische Poetologie

Ihren Höhepunkt erreicht diese anspielungsreiche und kristalline Prosa, wenn sie Franz Kafkas kurzen Besuch in Dresden-Hellerau im Sommer 1914 zum Anlass nimmt, Kafka, die Reformbewegungen vor 1914 und die Suchbewegungen des auf diesen Trümmern geborenen Durs Grünbein zusammenzudenken. Wie dieser nun entlegene Kafka-Stellen ans Licht hebt und sie zum Funkeln bringt, hat etwas ungemein Bezwingendes – die "Zukunft" etwa, die man besser nicht "wecken" sollte.

Wie beiläufig entsteht Grünbeins spezifische Poetologie, und es vermittelt sich, wie jener ästhetische Drive zustande kam, mit dem Grünbein wie ein "Hirnhund" im Gefolge Gottfried Benns in den ersten Jahren nach 1989 die Literaturszene überrumpelte. Oft werden Tiere zum Ausgangspunkt verschiedenartigster Erkundungen. Die Schmetterlinge in der Gartenstadt beispielsweise machen sogar die Pubertät poetisch.

"Die Jahre im Zoo" ist auch ein Buch über das Kaleidoskopische an sich, wie es der Untertitel "Ein Kaleidoskop" verheißt: man schüttelt kurz, und beim nächsten Blick ist alles wieder neu. 

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