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Aus dem Englischen von Robin Cackett

Bibliothekare der Universität Oxford haben in ihren Beständen im Jahr 2009 eine chinesische Landkarte aus dem 17. Jahrhundert entdeckt. Der kanadische Historiker und Sinologe Timothy Brook wurde beauftragt, Herkunft und Geschichte dieser Karte zu erforschen. Nun präsentiert er seine Ergebnisse in einem sehr schön ausgestatteten und bebilderten Buch.

Europäische Hybris

"Wie China nach Europa kam" lautet der Titel des spannenden Buches des Historikers und Sinologen Timothy Brook. Und was er herausgefunden hat anhand der seltsamen Karte eines gewissen Mr. Selden - wie die jüngst entdeckte chinesische Karte aus dem 17. Jahrhundert genannt wird -, ist so merkwürdig und kurios wie lesenswert und lehrreich. Denn Brook hält damit der europäischen Hybris in Sachen Wissenschaft einen wunderbaren Spiegel vor.

Lehrreiche Umwege

Brooks Buch ist keine trockene wissenschaftliche Abhandlung, sondern amüsant und gekonnt geschrieben. Und Brook schreibt nicht nur über eine Karte, sondern nutzt die Gelegenheit für eine anschauliche Darstellung der Gesellschaften des 17. Jahrhunderts in Europa und Südostasien. Denn, um die Geheimnisse der Karte zu lüften, die das Südchinesische Meer zeigt und die Länder, die dieses Meer umgeben, musste der Historiker viele Umwege gehen, auf die er seine Leser einlädt: von den Tagebuchaufzeichnungen der Seefahrer und Händler der Frühen Neuzeit, über die Erkenntnisse der Hofschreiber und Wissenschaftler im England Shakespeares, bis hin zu niederländischen und chinesischen Gelehrten, die sich Gedanken machen über die Freiheit der Meere, den Verlauf der Handelsrouten und das entstehende Völkerrecht.

Wissenschaft im Dienste des Monarchen

Der Sinologe beschreibt, wie dabei im England des 17. Jahrhundert die Orientalistik ihre ersten Anläufe nimmt und große Hoffnungen in die neue Wissenschaft vom Orient gesetzt werden, von der man weltverändernde Erkenntnisse erwartet. Vierzig Jahre später führt die Orientalistik nur noch ein Schattendasein, vor allem weil die Ignoranz der europäischen Wissenschaftler verhindert, die Rätsel des Ostens zu entschlüsseln: Denn die Europäer sprechen kaum die Sprachen der Länder, über die sie forschen und sind an einem gleichberechtigten Austausch wenig interessiert.

Die Wissenschaft stand in der Frühen Neuzeit im Dienste der Monarchen, des Handels und der Konflikte, die sich aus dem Handel ergaben. Genauso wie das Recht. Zwar macht Brook die Vorläufer des internationalen Seerechts im handelspolitischen Streit zwischen England und den Niederlanden aus. Beide Länder wollten ihre Interessen und neuen Pfründe im Osten sichern. Gegenüber dem englischen Konzept des geschlossenen Meeres, das nationalen Herrschaftsinteressen unterliegt, war das niederländische Ideal der freien Meere aber nur eine Fiktion - wie der Autor feststellt -, die dazu diente, brutale Herrschaftsinteressen über Seewege und Handelsmonopole zu kaschieren. Bei diesen Auseinandersetzungen verschwand das von den Seefahrern mitgebrachte Wissen in Form von Büchern und Objekten in den Bibliotheken und geriet schließlich in Vergessenheit, wie eben auch Mr. Seldens Karte.

Die bessere Methode des chinesischen Kartographen

Die zeigt - was zunächst kaum ersichtlich ist - die Handelsrouten der damaligen Welt im Südchinesischen Meer, und zwar in einer Genauigkeit, die den Historiker verblüfft, weil sie damaligen Kartendarstellungen aus Europa weit überlegen war. Über vier Jahrzehnte blieb diese Karte die beste ihrer Region. Aber Händler und Wissenschaftler erkannten das nicht. Zudem verwendete der unbekannte chinesische Kartograph eine Methode, die, wenn sie begriffen worden wäre, die europäische Kartendarstellung revolutioniert hätte. Doch die Karte blieb ungenutzt - eine verpasste Chance. Damit ist Brooks Buch auch ein Lehrstück in Sachen Hochmut und Arroganz der Europäer gegenüber anderen Regionen und Denktraditionen der Welt.

Die Lektüre als Reise durch eine geheimnisvolle Welt

Brook schreibt anregend und detailreich von vielen Begebenheiten und Themen rund um Mr. Seldens Karte. Und er schreibt mit so großem Respekt vor der Welt, den Menschen und ihrer Geschichte, mit so viel Witz und Leidenschaft, dass es ansteckend wirkt und von der ersten Zeile an fesselt. Aber man muss dem Autor auch vertrauen. Denn bisweilen scheint er sich in Details zu verirren, denen man kaum mehr folgen mag.

Am Schluss führt er aber sämtliche Fäden seiner Erzählung sicher und gekonnt zusammen und hinterlässt das Gefühl, auf einer langen Reise in einer geheimnisvollen Welt gewesen zu sein, bei der man einer Epoche so nah gekommen ist, dass man am liebsten die Segel setzen und ausgerüstet mit Mr. Seldens Karte aufbrechen möchte, um diese Welt weiter zu erkunden.

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