SWR2 Buch der Woche am 27.04.2015

Aus dem Russischen von Swetlana Geier und mit einem Nachwort von Hans Jürgen Balmes

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Aus dem Russischen von Swetlana Geier und mit einem Nachwort von Hans Jürgen Balmes

Der Roman "Untertauchen" von Lydia Tschukowskaja erscheint im richtigen Moment. Das heißt der Dörlemann Verlag legt den Roman jetzt, 40 Jahre nachdem er schon einmal in der Übersetzung von Swetlana Geier auf Deutsch erschien, zu recht wieder auf. "Untertauchen" wurde 1972 in den USA veröffentlicht und erst 1988 in der Sowjetunion.

Es geht in dem Roman um das "Überleben in unvorstellbaren Zeiten" in denen Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit zum Tode führten oder in Arbeitslager. Der sowjetische Staat fälschte Biografien, verdrehte Sätze in ihr Gegenteil und verachtete Menschen, die ihre Meinung sagten, kreativ waren. Die Schauprozesse, die heute in Russland stattfinden, scheinen nicht weit entfernt von den damaligen sowjetischen. Deshalb ist Lydia Tschukowskajas Roman "Untertauchen" aus dem Jahre 1972 heute so erschreckend aktuell.

Lydia Tschukowskaja wurde 1907 in St. Petersburg geboren, verheiratet war sie mit dem Physiker Matwei Bronstein, der 1937 den stalinistischen Säuberungsaktionen zum Opfer fiel. Tschukowskaja selbst konnte sich nur durch Flucht retten. Sie, die mit der Dichterin Anna Achmatowa befreundet war und deren Gedichte auswendig lernte, um sie vor Vernichtung zu retten, schrieb zwei Romane über diese Zeit: "Das leere Haus" und "Untertauchen".

"Was werden die Ausgeschlossenen tun?" fragte Lydia Tschukowskaja im Januar 1974 die Delegierten des Sowjetischen Schriftstellerverbands, die sich gerade anschickten, die Autorin aus eben diesem Gremium auszuschließen. Es ist eine rhetorische Frage, die sich Tschukowskaja selbst beantwortet: Die Ausgeschlossenen schreiben, so Tschukowskaja. Und weiter: "Sogar Gefangene haben Bücher geschrieben und schreiben Bücher. Und was werden Sie schreiben? Resolutionen. Schreiben Sie."

Vielleicht muss man fast 70 Jahre alt sein und einiges erlebt und erlitten haben, um solch deutliche Worte zu wählen und gegen die Verlogenheit und den Opportunismus der werten Kollegen zu protestieren. Lydia Tschukowskaja hatte sich erlaubt, ihre Meinung zu äußern und einen Roman mit dem Titel "Untertauchen" veröffentlicht. In den USA kam das Buch 1972 heraus, in der Sowjetunion konnte es erst 1988 erscheinen. Tschukowskaja war nicht tragbar, nicht auf Linie. Sie betrachtete ihren Ausschluss als Ehre, wenn man "bedenkt, dass Soschtschenko und Achmatowa seinerzeit zu der Kategorie der Ausgeschlossenen gehörten, dass Pasternak als Ausgeschlossener gestorben ist und dass Sie vor kurzem Solschenizyn, Galitsch und Maksimow aus dem Verband ausgeschlossen haben."

Diese wenigen Zeilen ihrer Rede vor dem Schriftstellerverband ergeben schon ein kleines, bezeichnendes Porträt von Lydia Tschukowskaja, die heute – zu Unrecht – fast gänzlich vergessen ist. "Untertauchen" erschien 1975 erstmals auf Deutsch, in der Übersetzung der großen Swetlana Geier, die sich nicht zuletzt durch ihre Dostojewski-Übertragungen ungeheure Verdienste erworben hat. "Untertauchen" verschwand nach und nach aus dem öffentlichen Bewusstsein, wenn es dort jemals Eingang gefunden hat. Umso schöner, dass eine Neuausgabe im kleinen Schweizer Dörlemann Verlag diesem Buch vielleicht wieder zu einigen Lesern verhelfen wird.

"Untertauchen" ist ganz unverhohlen ein autobiographischer Roman, verfasst in der Form eines Tagebuchs: Die Erzählerin und Tschukowskajas Alter Ego Nina Sergejewna verbringt im Winter 1949 fast vier Wochen auf dem Land, in einem Sanatorium für Schriftsteller. Sie fühlt sich im Kreis der anderen Künstler fremd, ist angewidert von den Gesprächen, die sie führen, den parteitreuen Parolen, die am Mittagstisch dahindeklamiert werden.

Am Vormittag übersetzt Nina Sergejewna, an den Nachmittagen macht sie Spaziergänge durch die umliegenden, verschneiten Wälder, die bedrohlich und idyllisch zugleich wirken und immer mehr zu einem großen Rückzugsraum für die Erzählerin werden, eine sie schützende, innere Landschaft, in der sie ihre Erinnerungen aufsuchen und in sich selbst abtauchen kann. Sie versucht sich Klarheit zu verschaffen über sich, ihr Tun, ihr Schicksal.

Sergejewnas Mann ist 1937 in ein Lager deportiert worden, ein Opfer der stalinistischen Säuberungen. "Zehn Jahre" lautete die Strafe, "zehn Jahre ohne Recht auf Briefverkehr", so die offizielle Mitteilung. Nichts hat sie seither von ihm gehört, nichts kann sie in Erfahrung bringen. Der Terror besteht darin, ganz im Ungewissen gelassen zu werden, keine Möglichkeit zu haben, auf den Ämtern etwas zu erreichen. In einer den Tagebucheinträgen beigefügten Geschichte erzählt sie davon, wie sie stundenlang in einer Schlange wartet, um auf einem Amt etwas über den Verbleib ihres Mannes zu erfahren – zusammen mit anderen Frauen, die ebenfalls in der größten Kälte nächtelang ausharren, um etwas auszurichten für ihre Liebsten. Eine Mutter mit ihrem Säugling verlässt selbst dann die Schlange nicht, als das Kind in ihren Armen stirbt. Auskunft gibt es keine.

Tschukowskaja erzählt das mit einer bedrückenden Nüchternheit, einer Resignation, die vielleicht den nötigen Mut verleiht, nicht länger zu schweigen. Der Dichter, heißt es einmal, werde in Russland unweigerlich aus dem Himmel der Poesie auf die Erde der Moral gestürzt. Hinter der Horizontlinie begegneten sich dieser Himmel und diese Erde. Zitat: "Der Schmerz wird dort zur Musik und das Lied zur Wahrheit."

Auf dieses Lied der Wahrheit hofft sie, als sie sich mit dem Schriftsteller Bilibin anfreundet. Er war unter den Toten; er hat es geschafft, aus der Hölle zurückzukehren. Bilibin verbrachte viele Jahre in einem Arbeitslager; er erzählt Nina Sergejewna, zu der er Vertrauen schöpft, von den unmenschlichen Bedingungen, bringt ihr so auch den verlorenen Mann näher. Und klärt sie darüber auf, dass die zynische Mitteilung "zehn Jahre ohne Briefverkehr" ein Euphemismus sei: Die Gefangenen sind sofort erschossen worden.

Der gesundheitlich stark angeschlagene Bilibin schreibt an einem Buch über die Zeit des Terrors, über seine Lagerhaft. Sergejewna wünscht sich insgeheim, dass der Schmerz in diesem Roman zur Musik werde, dass den offiziellen Verlautbarungen eine wahre Geschichte entgegengesetzt würde – und ist untröstlich und wütend, als sie feststellt, dass Bilibin das Erlebte in eine ganz konforme, der kommunistischen Doktrin entsprechende Erzählung umlügt. Sie macht ihm Vorwürfe, beschimpft ihn und bereut zugleich ihre Unbedingtheit, von der sie ahnt, dass sie sich nur im Verborgenen, in ihrer Innenwelt bewahren lässt.

Während Sergejewna untertaucht und sich ihren Erinnerungen aussetzt, taucht Bilibin in einer falschen Sprache unter, um den inneren Qualen und Marterungen zu entgehen. Wer könnte ihr, wer könnte ihm das jeweils verdenken – aus den Fängen der grausamen Gegenwart gibt es für niemanden ein Entkommen; es gibt nur unterschiedliche Weisen zu überleben. Lydia Tschukowskajas Roman handelt vom Überleben in unvorstellbaren Zeiten, die – betrachtet man manche Schauprozesse in Russland heute – gar nicht so unvorstellbar sind. "Untertauchen" handelt von Aufrichtigkeit. Von der Angst. Und vom allgegenwärtigen Tod. Dass dieses von einer sanften Poesie getragene Buch geschrieben, dass es tatsächlich veröffentlicht wurde, ist ein Zeugnis für den großen Mut der Autorin selbst.

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