Buchkritik

Bodo Kirchhoff - Bericht zur Lage des Glücks

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In seinem „Bericht zur Lage des Glücks“ erzählt Bodo Kirchhoff von einer Reise ins Herz der Finsternis, die für alle Beteiligten schlecht ausgeht: Der übermelancholische Ex-Redakteur einer christlichen Zeitung lernt in Kalabrien eine geheimnisvolle Schwarze kennen, die aus ihrer afrikanischen Heimat geflüchtet ist und nun nicht nur von den italienischen Medien verfolgt wird. Die Geschichte des ungleichen Paares, die in einer gewundenen Sprache gehalten ist, handelt von Rassismus, Projektionen und dem Versagen des Protagonisten, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Ein Roman über das Scheitern, der wiederum selbst gescheitert ist.

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Schon früh ahnt man, dass es in diesem Buch ums Scheitern geht

Melancholische Männer, die verpassten Chancen hinterhertrauern, machen die merkwürdigsten Dinge, zum Beispiel Reisen zu wiederholen, die man einst mit einer geliebten Frau unternommen hat. So auch der namenlose Ich-Erzähler in Bodo Kirchhofs neuem Roman „Bericht zur Lage des Glücks“.

Vor Jahren war der sentimentale Kopfarbeiter mit der lustbetonten Physiotherapeutin Lydia in Kalabrien unterwegs, und nun möchte er noch einmal, da der Schmerz der Trennung noch nicht verschwunden ist, jene Orte abklappern, mit denen Erinnerungen an die Zweisamkeit verknüpft sind.

Zehn Jahre lang habe er versäumt, Lydia zu heiraten, gibt der Trauerreisende zu, und schon früh ahnen wir, dass es in diesem Buch weniger um emotionale Erfüllung als vielmehr ums Scheitern geht.

Zweck der Trauerreise: Lydia vergessen und eine Geschichte fürs Radio schreiben

Tatsächlich hat der Mann, der das Rentenalter noch nicht ganz erreicht hat, auch mit einer „angespannten beruflichen Situation“ zu kämpfen. Viele Jahre war er Redakteur bei einer Kirchenzeitung namens „Christliche Stimme“, jetzt schlägt er sich mit kleinen Radiogeschichten durch, die zu später Sendezeit über den Äther gehen. So fährt er also mit einem „doppelten Motiv“ durch Süditalien, nämlich

 „(…) mir Lydia aus dem Kopf oder Herzen zu schlagen und zu einer Geschichte für das Radionachtprogramm zu kommen.“
(Bodo Kirchhoff: Bericht zur Lage des Glücks)

Kein Wunder also, dass der deutsche Sehnsuchtstourist neugierig wird, als er in einer kalabrischen Zeitung von einer „rätselhaften Illegalen“ erfährt, die zwar oft fotografiert worden ist, deren Gesichtszüge aus unerklärlichen Gründen aber nie zu erkennen sind. Bald kursieren Gerüchte, die Boulevardpresse erfindet die tollsten Geschichten über die Migrantin „mit der Figur einer Hochspringerin“. Auch der Erzähler macht sich sein eigenes, etwas seltsames Bild von der geheimnisvollen Frau, wohlwissend, dass es sich um Ressentiments handelt.

„Ja, das war mein Bild von ihr, noch bevor ich sie überhaupt gesehen hatte: das einer jungen Afrikanerin, die sich schnell und geräuschlos bewegen kann und dazu noch so eins wird mit der Natur, dass man sie nicht mehr sieht (…)“
(Bodo Kirchhoff: Bericht zur Lage des Glücks)

Weder Polizei noch Reporter finden die geheimnisvolle Fremde - der Ich-Erzähler findet sie

Wie es der Zufall will, finden weder Polizisten noch Reporter die „junge Hochgewachsene von dunkler Haut“, sondern nur der verständnisvolle Christenmensch, der auch schon bald „etwas Anbetungswürdiges“ in ihr zu erkennen meint. Weil die Afrikanerin dem zuvorkommenden Deutschen vertraut, fahren die beiden im kleinen Fiat erst Richtung Rom, dann nach Mailand, immer auf der Suche nach Verwandten der Geflüchteten, die genau wie der Erzähler namenlos bleiben wird.

„…wobei ich ihren Namen selbstverständlich kenne, allerdings für zu klangvoll halte, für zu bestechend, um ihn bei jeder Gelegenheit zu verwenden, als sollte damit Stimmung gemacht werden für sie; stattdessen lieber die Gefahr, dass man mir Verallgemeinerung vorhält.“
(Bodo Kirchhoff: Bericht zur Lage des Glücks)

Die einseitige Erzählperspektive ist ein Problem - literarisch und inhaltlich

Bodo Kirchhoff hat sich entschieden, die Geschichte dieses ungleichen Paares ausschließlich aus der Sicht seines Protagonisten darzulegen, der seine Erlebnisse später in dem titelgebenden Bericht niedergeschrieben haben wird, den wir nun lesen dürfen.

Schon auf den ersten hundert Seiten aber, die eher wie eine überlange Beichte angelegt sind, stellt sich die Frage, ob diese Einseitigkeit sowohl literarisch als auch inhaltlich tragfähig ist. Zu gerne hätte man beispielsweise gewusst, was die Angebetete denkt, vor allem in Gesprächen, die ein gewisses Fremdschampotential bergen.   

„…ich hatte die Afrikanerin … gefragt, ob es dort, wo sie herkomme, wilde Tiere gebe, oder welches Tier man am häufigsten sehe – ein Versuch von Konversation, um nicht nur dazusitzen bei einem Espresso, nachdem wir gegessen hatten.“ 
(Bodo Kirchhoff: Bericht zur Lage des Glücks)

Der Protagonist gerät in „Versuchung“

Selbst wenn die Plaudereien über wilde Tiere nicht besonders ergiebig sind, bald kann sich der Erzähler nicht mehr vorstellen, ohne die wortkarge Grazie weiterzureisen. Er gefällt sich nicht nur in der „Rolle als Versorger und Planer“. Er pflegt die Frau, als sie angeschossen wird, selbstverständlich „umgarnt“ er sie auch, und verbringt zu seinem Leidwesen zahlreiche schlaflose Nächte neben ihr.

„Versuchung, eins der biblischen Worte, die einen verfolgen, ob man will oder nicht – ja, ich war in Versuchung (…)“
(Bodo Kirchhoff: Bericht zur Lage des Glücks)

Und dann soll die geheimnisvolle Fremde noch zum Stoff für eine TV-Story werden

So groß die Anziehung auch sein mag, die Hoffnung, aus der Geschichte der Afrikanerin noch journalistisches Kapital schlagen zu können, gibt der Erzähler trotzdem nicht auf. So meldet er sich bei seiner Ex-Freundin Lydia, die mit ihrem Mann Benedict Cordes – als hätte es der Herrgott so geplant – ebenfalls in Italien unterwegs ist.

Cordes ist ein machtbewusster Fernsehmoderator, der sich die große Story um die mysteriöse Afrikanerin auch nicht entgehen lassen möchte und sie daher umgehend zum TV-Interview bittet. Es ist nicht klar, warum der Radiomann seine verehrte Begleiterin an den rücksichtslosen Konkurrenten ausliefert, der in widerlicher Weise über Frauen spricht. Will er sich bei der Ex wichtigmachen, die er immer noch zu lieben scheint?

Die Afrikanerin begreift offenbar, dass sie von allen Seiten instrumentalisiert und als Projektionsfläche missbraucht wird. Jedenfalls ergreift sie die Flucht, indem sie aus dem dritten Stock springt und in der Nacht verschwindet. Cordes ärgert sich über das geplatzte Interview und provoziert seinen Vorgänger.

„Schauen Sie, ich weiß es doch, dass Gestalten wie Sie das Heilige suchen in unserer heillosen Zeit – ich höre ihn das noch sagen: Gestalten wie Sie – und sich auf jedes Wesen stürzen, das nur irgendwie nach heilig aussieht. Aber dieses Wesen war alles andere als heilig. Oder glauben Sie, wenn ich Ihnen auch das sagen darf, wie viele Schwänze Ihre Afrikanerin im Mund hatte, um aus der Ecke, aus der sie stammt, überhaupt wegzukommen – einige.“
(Bodo Kirchhoff: Bericht zur Lage des Glücks)

Der Widersacher wird erschlagen

„Denkleichen“ nennt der Erzähler solche Worte, und die sexistischen und rassistischen Ausfälle verfehlen ihre Wirkung nicht. Der oft etwas unentschlossen wirkende Mann, der bei jeder Gelegenheit eine passende Bibelstelle zu zitieren weiß, wird zu seiner eigenen Überraschung das fünfte Gebot übertreten und seinen Widersacher mit einem Stein erschlagen.

Mit diesem Wendepunkt verschiebt sich auch die Gewichtung der Zeit- und Erzählachsen in dem überkonstruierten Roman: Der Totschläger, den die Polizei erstaunlicherweise nicht verdächtigt, kann ungehindert nach Äquatorialafrika fliegen, um den Heimatort seiner verschwundenen Geliebten aufzusuchen.

In diesem sehr staubigen Herz der Finsternis lernt er den undurchsichtigen, aber herzlichen Polizeikommandanten Ayago kennen, der – so ähnlich sind die Lebenswege auf den unterschiedlichsten Kontinenten – ebenfalls der eigensinnigen Schönheit hinterherweint.

Die Gespräche der beiden verlassenen Liebhaber gehören zu den Stärken des Buchs

Die abtastenden und oft nonverbalen Gespräche der beiden verlassenen Liebhaber gehören gewiss zu den Stärken des Buchs. Bodo Kirchhoff hat einen Roman über schmerzende Leerstellen geschrieben, die nicht erst in seinem „Bericht zur Lage des Glücks“, sondern auch in früheren Werken die Liebesverwicklungen prägen. So undurchschaubar seine Figuren zuweilen handeln, was die Interpretation dieser Lücken angeht, möchte der Schriftsteller allerdings keinen Zweifel aufkommen lassen, und so darf auch ein interpretierendes Fazit zum Liebesthema nicht fehlen:

„Was man am meisten liebt, liebt man schon in dem Gefühl einer Wehmut, des unabwendbaren Endes – der Tag wird kommen, an dem wir uns aus den Augen verlieren, an dem alles gewesen sein wird, von dem an nur noch die Erinnerung zählt.“
(Bodo Kirchhoff: Bericht zur Lage des Glücks)

Diese Erkenntnis fließt ein in jenen Bericht, den der Erzähler im fernen Afrika verfasst und der dann einer wiederum nicht näher benannten „souveränen Leserin“ gewidmet ist. Vielleicht ist jemand wie die alte Schulfreundin Maren gemeint, eine an der Kirche zweifelnden Pfarrerin, die den wehmütigen Berichtschreiber in seinem afrikanischen Schreibexil aufsucht und ihn verführt, weil sie ihn immer schon liebte.

Die Irrungen und Wirrungen im Finale des Romans wirken übertrieben schicksalhaft

Die Irrungen und Wirrungen im Finale des Romans sind zwar durchaus überraschend, doch sie wirken genauso übertrieben schicksalhaft wie so viele aus Zufällen sich entwickelnde Wendungen zuvor. Im Karussell der Liebe dreht sich schließlich nichts mehr, und so endet das Buch mit dem Beginn der Corona-Pandemie.

Der „Bericht zur Lage des Glücks“ hätte eine Erkundung über die seelischen Verwüstungen werden können, die entstehen, wenn Liebesbeziehungen in asymmetrischen Verhältnissen gefangen sind. Doch statt sich auf eine Konstellation zu beschränken, gehen die dramaturgischen Plausibilitäten in dem weiblichen Dreigespann verloren. Statt die Figuren zu konturieren, sind charakterliche Feinheiten der Figuren im gedrechselten und überreflexiven Stil des Erzählers kaum erkennbar.

Die Geschichte vom mittelalten weißen Mann, der eine junge Schwarze liebt, bleibt oberflächlich, auch weil sie jenseits der Gedankenwelt eines leicht verklemmten Liebestollen keine Außenperspektive bietet. Es wird mit dem Tabu gespielt, das doch nur ein Klischee ist. Die schöne Schwarze bleibt bis zuletzt ein exotisches Wesen, das nicht zu ergründen ist. Doch warum das alles erzählen? Warum die selbstverliebten Satzkaskaden, die manchmal so ungelenk wirken wie die Annährungsversuche des Kirchenfunkers?

Der Roman, der vom Misslingen handelt, ist leider auch als Kunstwerk gescheitert

Der Erkenntnisgewinn des 600-Seiten-Buchs ist erschütternd gering. Handelt es sich um einen literarischen Angriff auf jene Sorte Mann, die den – wie es auf den letzten Seiten heißt – „Biss in die verbotene Frucht“ noch wagt und sich dann wundert, dass er aus dem Paradies vertrieben wird?

Der Roman, der vorgibt, das Glück zu erkunden, allerdings vom Misslingen handelt, ist leider auch als Kunstwerk gescheitert. Vielleicht besteht darin auch die sublime Konsequenz dieses Werks.

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