Zeitgeschichte

Blamage für ein Adelshaus: Stephan Malinowskis Buch „Die Hohenzollern und die Nazis“

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Das neuerschienene Buch „Die Hohenzollern und die Nazis“ von Stephan Malinowski könnte entscheidende Bedeutung erlangen im Streit um die Rückgabe von Kunstwerken, die das Haus Hohenzollern von der Bundesrepublik zurückverlangt. Malinowski ist als Historiker einer der Gutachter in dieser Auseinandersetzung.

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Wie  „erheblich“ war Wilhelms Aufruf 1932, für Hitler zu stimmen?

Eigentlich geht es nur um ein Wort:  „erheblich“. Dass der älteste Sohn des letzten Kaisers, Kronprinz Wilhelm, kein Demokrat war und nur zu gerne den Thron seines Vaters bestiegen hätte – nach 1918 wohlgemerkt -, bestreitet auch von den Hohenzollern keiner. Die Frage ist, welche Bedeutung er auf diesem Irrweg als Steigbügelhalter der Nazis hatte. War sie „erheblich“, dann gibt es keine Entschädigungsansprüche.

Dazu muss man wissen, dass Wilhelm als öffentliche Figur damals durch sehr viele Gazetten, Klubs und Kreise geisterte, die es weder mit der Republik noch mit der Demokratie hatten. Konkret wird dieser allgemeine Beitrag zum Beispiel bei der Frage, wie „erheblich“ es war, dass Wilhelm bei der Reichspräsidentenwahl 1932 aufrief, für Hitler zu stimmen.

Unüberschaubare Zahl von Klagen der Hohenzollern gegen kritische Äußerungen

Georg Friedrich von Preußen, der jetzige Ober-Hohenzoller, und seine Rechtsanwälte tun alles, um das zu verneinen. Das zeigt ein Blick auf die Internet-Seite, die der Verband der deutschen Historikerinnen und Historiker zu diesem Fall zusammengestellt hat. Er sieht die Freiheit der Forschung bedroht.

Denn die Zahl von Verfahren und Gerichtsurteilen, die der Prinz angestrengt hat gegen kritische Äußerungen und Meinungen, ist kaum mehr überschaubar. Sie verleitet zu dem Gedanken, die Hohenzollern legten es darauf an, in den Schlagzeilen zu bleiben. Freilich wäre dies ein sehr spezieller Weg zum Nachruhm, möglicherweise ein unrühmlicher.

Es ist bezeichnend, dass der Autor des heute erscheinenden Werkes, Stephan Malinowski, in seinem Buch zuallererst einem befreundeten Juristen dankt, der ihn seit Jahren gegen einstweilige Verfügungen und Unterlassungs-Klagen der Hohenzollern in Schutz nimmt. Zeitgeschichte ist oft umstritten, aber selten wurden in den letzten Jahren in historischen Fragen Gerichte so oft bemüht wie im Hohenzollern-Streit.

Jeder blamiert sich, so gut er kann

Absurd? In diese Kategorie gehört eher, dass sich Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier vor einigen Wochen Zeit nahm für die Präsentation eines weiteren Buches über den Ex-Kronprinzen und seine Nähe zur braunen Brut.

Es war bereits Wahlkampf – wohlgemerkt - und ein Vertreter unserer demokratisch verfassten Republik war sich nicht zu fein, finanziellen Ansprüchen des Hochadels durch seine Anwesenheit den Rücken zu stärken. In der ersten Publikumsreihe saß nämlich Georg Friedrich von Preußen samt Gattin – und klatschte, weil der Autor des Buchs die Fakten weit weniger kritisch bewertet als Malinowski.

Der Schaden am Image ist enorm - das zeigen Umfragen

Der Fall zeigt einmal mehr: Jeder blamiert sich, so gut er kann. Andere Adelshäuser im Land sind in Finanzdingen diskret und halten so ihr öffentliches Ansehen aufrecht. Auch wenn es in diesem Fall um eine wirklich erhebliche Summe geht – der Schaden am Image ist enorm. Das zeigen Umfragen.

Man ahnt im Land: Gut hundert Jahre nach dem Abmarsch des Kaisers und seiner Familie ins Exil besteht wenig Gefahr, dass die Nachfahren einer schnöden bürgerlichen Erwerbsbiografie anheimfallen, falls es keine Einigung gibt und die Gerichte gegen sie entscheiden.

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Duncker & Humblot Verlag, 300 Seiten, 29,90 Euro
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UND
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