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Bilanz der Frankfurter Buchmesse 2021 - Wir denken, also sind wir?

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Beim Rückblick auf die 73. Frankfurter Buchmesse bleiben besonders zwei Dinge hängen: die Sehnsucht nach einem neuen Gemeinschaftsgefühl und kontroverse Diskussionen um rechte Verlage auf der Buchmesse. Die Mehrheit des Publikums war aber vor allem froh, wieder Autorinnen und Autoren vor Ort zu erleben, meint SWR2-Literaturkritiker Carsten Otte.

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Widersprüchlichen Stimmungslagen prägten die Frankfurter Buchmesse

Die Frankfurter Buchmesse war in diesem Jahr von sehr widersprüchlichen Stimmungslagen und kontroversen Positionen bestimmt: Zunächst war den Ausstellern die große Freude anzusehen, dass es nach der pandemiebedingten Absage im vergangenen Jahr wieder losgeht mit den literarischen Begegnungen, den Buchvorstellungen, dem Austausch übers Verlagsgeschäft, das derzeit von großen Herausforderungen geprägt ist.

Unterbrochene Lieferketten, die zu Papierknappheit führen, aber auch urheberrechtliche Einschränkungen durch die gefürchtete Zwangslizenz bei der Onleihe in Bibliotheken führen zu Unmut und Verunsicherung in der Buchbranche. Doch nicht einmal die erschreckend leeren Gänge in den ersten Tage der Messe, die für das Fachpublikum vorgesehen sind, konnten den Optimismus der Verlage trüben und ließen so etwas wie ein neues Gemeinschaftsgefühl aufscheinen. Zumal die Umsatzzahlen der vergangenen Quartale stimmten; der Buchhandel, der lange Zeit mit sinkenden Verkäufen zu kämpfen hatte, geht aus der Pandemie durchaus gestärkt hervor.

Weniger Aussteller, aber viele Literaturinteressierte an den Publikumstagen

Die diesjährige Buchmesse war zwar mit nur rund 2000 Ausstellern um zwei Drittel kleiner als noch vor der Pandemie, aber die fast 25.000 Besucherinnen und Besucher an den Publikumstagen sendeten ein deutlich Signal: auch unter verschärften Hygienebedingungen kommen die Menschen in großer Zahl aufs Messegelände.

Immer mal wieder – vor allem im Literaturbetrieb – wird die Frage nach dem Sinn und Zweck des Messeformats gestellt. In diesem Jahr haben die Leserinnen und Leser mit ihrer Anwesenheit alle Zweifel beseitigt. Das ist bemerkenswert, auch weil es schon zu Beginn der Messe medial heftig diskutierte Boykottaufrufe gab. Es wurde über die Präsenz eines rechtsradikalen Verlages gestritten, über die Bedeutung von Meinungsfreiheit und den Umgang mit Leuten, die sich gegen Menschenwürde und Demokratie äußern, gar Autorinnen und Autoren bedrohen.

Friedenspreisträgerin Tsitsi Dangarembga fordert einen Paradigmenwechsel in den europäischen Denkmustern

Mit dem Neustart der Buchmesse waren also die alten Diskussionen wieder da, wobei der parallel in sozialen Netzwerken ausgetragene Schlagabtausch manchmal grotesk erschien. Wer etwa die Linie der Messe unterstützte, die auf die rechtlichen, politischen und auch medialen Risiken eines Ausschlussverfahrens verwies, wurde schnell auf die Stufe mit den sich prächtig an dem Streit erfreuenden Nazis gestellt.

In ihrer Friedenspreisrede forderte die simbawische Schriftstellerin und Filmemacherin Tsitsi Dangarembga einen Paradigmenwechsel in den europäischen Denkmustern. Sie sprach von der imperialen Gewalt, die bis heute für Missstände im postkolonialen Afrika verantwortlich ist.

Descartes berühmte Losung „Cogito ergo sum“ sieht zu selten das Wir, sagt Tsitsi Dangarembga

Dangarembga kritisierte die Doppelmoral des Westens und wandte sich gegen den Wahlspruch der abendländlichen Aufklärung, aus dem das Übel der Unterdrückung und Ausbeutung erst entstanden sei. Das Denken, das sich bis heute auf die berühmte Losung „Cogito ergo sum“ beziehe, sehe immer nur das Ich im Selbstgespräch, aber zu selten das Wir, zu dem auch das Fremde gehöre.

Nun ist die Kritik am Konzept der Aufklärung ein Grundtopos der Philosophie des 20. Jahrhunderts, vorgetragen etwa von den einst in Frankfurt lehrenden Philosophen Adorno und Horkheimer. Während die kritischen Theoretiker aber an einer Idee der Differenz, am Nichtidentischen jenseits einer herrschenden Vernunft festhalten, scheint der Paradigmenwechsel, den Dangarembga in ihrer Friedenspreisrede einklagt, auf ein neues Kollektivdenken abzuzielen. Auch weil die Menschen, so ihr Argument, durch ökonomische Vernetzung und Klimawandel ohnehin in einem Boot säßen.

So verlockend die Idee eines paradiesischen Miteinanders auch ist, die politische Realität wird auch weiterhin von konkurrierenden Interessengruppen und – das zeigen die Debatten auf der Buchmesse – kontroversen Positionen auch innerhalb des demokratischen Spektrums geprägt, die es zu respektieren gilt.

Ein „Wir denken, also sind wir“ lässt die entscheidenden Fragen unbeantwortet

Wir denken, also sind wir. Das hört sich nach einer rhetorischen Formel an, die im Raum einer visionären Preisrede überzeugen kann, die aber gleichwohl die entscheidenden Fragen unbeantwortet lässt: Ändert die Idee vom imaginierten Wir den Prozess demokratischer Willensbildung? Wer legt die Bedingungen des kommunikativen und politischen Handelns in einer Gesellschaft fest, die künftig deutlich heterogener sein wird als früher?

Der Friedenspreis an Tsitsi Dangarembga zeigt, wie wichtig eine divers und demokratisch aufgestellte Buchmesse für das kulturelle Leben ist

Mal abgesehen von solchen eher theoretischen Überlegungen kann über die literaturbetriebliche Praxis jedoch gesagt werden: Der Friedenspreis an Tsitsi Dangarembga und die vielen Veranstaltungen mit Autorinnen und Autoren, die in ihren Büchern über Herkunft und Identität nachdenken und trotz aller Bedenken nach Frankfurt gekommen sind, zeigen sehr deutlich, wie wichtig eine divers und demokratisch aufgestellte Buchmesse für das kulturelle Leben ist.

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Aus dem Englischen von Anette Grube
Orlanda Verlag, 371 Seiten, 24 Euro
ISBN 978-3-94466-687-7  mehr...

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