Diskussion über 4 Bücher

SWR Bestenliste Oktober

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Carsten Otte
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Carsten Otte

Aus der Bestenliste-Jury diskutieren die Literaturkritiker*innen Julia Schröder, Gerrit Bartels und Eberhard Falcke mit Carsten Otte über Bücher von Anna Kim, Jan Faktor, Norbert Gstrein und Deesha Philyaw.

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Platz 6 Deesha Philyaw: Church Ladies

Die Jury der SWR Bestenliste ist sich einig: Der Erzählband „Church Ladies“ der US-amerikanischen Autorin Deesha Philyaw (Platz 6 im Oktober) ist eine Entdeckung. Selbst wenn, wie Juror Eberhard Falcke meint, nur drei, vielleicht vier der neun Storys grandios seien. Das stört den Kritiker, der in seinen Ausführungen Bögen bis zu Toni Morison spannt, allerdings nicht grundlegend, da es sich um ein literarisches Debüt handele.

Jury-Mitglied Gerrit Bartels lobt den ästhetischen Variantenreichtum der Geschichten, die von Frauen in schwarzen Kirchengemeinden und gar nicht so gottesfürchtigen Gläubigen handeln. Julia Schröder sieht in der weiblichen Selbstbehauptung in einer Welt mit wahlweise übergriffigen oder abwesenden Vätern das eigentliche Thema des Bandes.

Platz 4 Norbert Gstrein: Vier Tage, drei Nächte

Der neue Roman von Norbert Gstrein (Platz 4) wurde erstaunlicherweise einhellig kritisiert. Die Konstruktion von „Vier Tage, drei Nächte“ gehe – anders als in den Vorgängerromanen – nicht auf. Die Figurenkonstellation eines Geschwisterpaars, das sich wechselseitig die Geliebten abspenstig macht, überzeuge genauso wenig wie das erst spät aufgegriffene Hauptthema der rassistischen Projektion.

Einzelne gelungene Szenen des ambitionierten Autors, der wie kaum ein anderer im deutschsprachigen Raum sich mit den Fallstricken eines unzuverlässigen Erzählers befasst, fügten sich laut der Jury-Runde nicht zu einer stimmigen Erzähleinheit.

Platz 2 Jan Faktor: Trottel

Auch Jan Faktors Roman „Trottel“ (Platz 2) hinterließ einen gemischten Eindruck: In der Tradition des Schelmenromans stehend, beschreibt der Ich-Erzähler in dem autobiographisch grundierten Text nicht nur den sowjetischen Einmarsch in Prag 1968, sondern auch die Dichter-Szene in Ostberlin vor der „wunderlichen Wende“.

Gerrit Bartels berichtet von einer zeitweise quälenden Lektüre, wenn sich der Text etwa in Details zur Rockband Rammstein verzettelt oder sich in den Gängen der Prachtbauten der ehemaligen Stalinallee verirrt.

Für Julia Schröder sind diese Passagen allerdings sprachlicher Ausdruck der Verdrängung eines Traumas, das der Suizid des Sohnes ausgelöst hat.

Auch für Eberhard Falcke geht das Konzept dieser Erzählweise weitgehend auf, selbst wenn es verblasene und verschwatzte Passagen gebe.

Platz 1 Anna Kim: Geschichte eines Kindes

Auf dem Spitzenplatz der SWR Bestenliste im Oktober steht der Roman „Geschichte eines Kindes“ von Anna Kim, der zunächst ein Drama in Dokumenten erzählt: In einer Kleinstadt im US-Bundesstaat Wisconsin bringt eine Frau ein dunkelhäutiges Kind zur Welt, das die Mutter allerdings sofort zur Adoption freigibt, ohne den Vater preisgeben zu wollen.

Während die Geschichte des kleinen Daniel über historische Akteneinträge des Sozialdienstes erzählt wird, reflektiert die Autorin – die in Südkorea geboren wurde, in Kindertagen nach Europa kam und heute in Wien liebt – in essayistischen Abschnitten auch eigene Ausgrenzungserfahrungen.

Die Recherche führt die Ich-Erzählerin, die während eines Stipendiums in den USA von dem Stoff erfährt, wiederum zurück nach Österreich. Denn die Leiterin des Sozialdienstes, die unbedingt die ethnische Herkunft des Babys herausfinden soll und auch möchte, hat zu NS-Zeiten am Wiener Institut für Anthropologie studiert.

Julia Schröder zeigt sich beeindruckt vom feinsinnigen Stil der Autorin, während sich Bartels und Falcke nicht einig sind, ob der Roman auch von der Wirkmacht anthropologisch-rassistischer Denkmuster in der Gegenwart handelt.

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