Lesung und Diskussion

SWR Bestenliste Juni

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Carsten Otte

Aus der Bestenliste-Jury diskutieren die Literaturkritiker*innen Kirsten Voigt und Cornelia Geissler mit Carsten Otte über Bücher von Adania Shibli, Fran Lebowitz, Ilya Kaminsky und Aleš Šteger.

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Es gehört zur guten Tradition der SWR Bestenliste, dass sich die Jury das Werk, das auf dem Spitzenplatz steht, ganz genau anschaut. Daher gibt es nicht selten just um die Nummer eins der Bestenliste energische Diskussionen. So auch um Aleš Štegers neuen Roman „Neverend“, der im Juni die meisten Punkte der dreißigköpfigen Jury erzielen konnte.

Kirstin Voigt kritisierte beim Gespräch im Literaturhaus Freiburg die „postmoderne“ Überfülle der Themen und Bildebenen des Textes, die sich nicht zu einem stimmigen Gesamtbild fügen würden.

Der Roman handelt von einer Schriftstellerin in Slowenien, die ihre Schreibkrise mit Creative-Writing-Kursen im Gefängnissen zu lösen versucht. Jene Häftlinge schreiben erstaunlich eindrückliche Texte über den Krieg, der Europa heimgesucht hat. Lebensmittelengpässe sind die Folge, aber nicht nur das.

In Slowenien stehen Wahlen vor der der Tür, und ein populistisch-extremistischer Kandidat begeistert die Bevölkerung. Schließlich lesen wir den Beginn eines historischen Romans, der unter anderem von Carl von Linné und jenem Ort handelt, an dem die erste Banane auf europäischen Boden gezüchtet wurde.

Allerlei Tiere und surreale Auflösungsphänomene prägen das Geschehen, das Cornelia Geißler hingegen beeindruckt hat: „Da haben wir vier Bücher in einem, und in Zeiten, in denen wir sparen müssen, ist das doch auch sehr praktisch“, scherzte sie.

Einig war sich die Runde, die von Carsten Otte geleitet wurde, in ihrem Lob von Ilya Kaminskys Parabelpoem „Republik der Taubheit“, das von Anja Kampmann kongenial ins Deutsche übertragen wurde.

Außerdem wurde in Freiburg noch über die gewitzten Kolumnen von Fran Lebowitz und Adania Shiblis nicht zuletzt politisch brisanten Roman „Eine Nebensache“ gesprochen, der von einem historischen Verbrechen in Palästina handelt.

Diese Bücher werden in der Sendung diskutiert:

Platz 4 (40 Punkte) Adania Shibli: Eine Nebensache

Im August 1949 greifen israelische Soldaten im Negev ein Beduinenmädchen auf. Sie vergewaltigen das Mädchen und erschießen es. Mehr als 50 Jahre später beschließt eine Frau, dem Schicksal des Mädchens nachzugehen. Das kann nicht gut enden.  mehr...

Platz 3 (45 Punkte) Fran Lebowitz: New York und der Rest der Welt

Martin Scorsese widmete ihr eine eigene Netflix-Serie. Beobachtungen aus dem New Yorker Alltag füllt Lebowitz mit Bedeutung. Es geht um Familienplanung, Rauchen, Haustiere, und Kunst. Die Texte sind glänzend gealtert – sehr böse, sehr intelligent.  mehr...

Platz 2 (64 Punkte) Ilya Kaminsky: Republik der Taubheit

Ein erzählendes Gedicht. Kaminsky intoniert einen Chor: Als ein tauber Junge erschossen wird, rebellieren die Einwohner einer besetzten Stadt gegen die Besatzer, indem sie sich in Gehörlosensprache verständigen. Sprache ist Macht.  mehr...

Platz 1 (117 Punkte) Aleš Šteger: Neverend

Eine Schriftstellerin, die im Gefängnis Creative Writing lehrt. Die Geschichten der Gefangenen stehen im Buch. Im echten Leben zerfällt die von Ideologien zerfressene EU, und der Jugoslawienkrieg hallt in den Erzählungen nach.  mehr...

Literatur SWR Bestenliste Oktober

Die SWR Bestenliste empfiehlt seit über 40 Jahren verlässlich monatlich zehn lesenswerte Bücher, unabhängig von Bestsellerlisten. Nicht die Bücher, die am häufigsten verkauft werden, bestimmen die Liste, sondern eine Jury, bestehend aus 30 namhaften LiteraturkritikerInnen, wählt die Bücher aus, denen sie möglichst viele LeserInnen wünscht.  mehr...

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