Diskussion über vier Bücher

SWR Bestenliste Januar 2023

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MODERATOR/IN
Carsten Otte

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Das Gespräch über vier Bücher der SWR Bestenliste im Januar begann mit Dissens: Während Jurymitglied Kirsten Voigt die Gesamtkonstruktion von Alain Claude Sulzers Roman „Doppelleben“ lobte, der von den Gebrüdern Goncourt und ihrer Haushälterin Rose handelt, vermisste Literaturkritiker Klaus Nüchtern den konsistenten Ton in dem Text und bemängelte auch zahlreiche misslungene und kitschige Formulierungen.

Bei der Diskussion zu Emilio Lussus „Marsch auf Rom und Umgebung“ waren die Rollen dann anders verteilt. Voigt sprach dem historischen Werk die literarische Qualität ab, sprach aber von einer bedrückenden, politisch-aktuellen Relevanz. Nüchtern verwies auf den eleganten Spott des Autors, der eine immer stilsichere Schmierenkomödie der Macht geschrieben habe.

Vor allem die Tiergedichte im neuen Lyrikband „Innigst“ der kanadischen Schriftstellerin Margret Atwood überzeugten sowohl Nüchtern als auch Voigt, die zudem auf den biographischen Hintergrund der karg-melancholischen Poesie verwies. Moderator Carsten Otte ließ es sich nicht nehmen, die Harmonie der Jury etwas zu trüben und auf die schwächeren Gedichte des Bandes hinzuweisen.

Einigkeit herrschte zum Abschluss über den vielseitig gelungenen Roman „Die Erweiterung“ von Robert Menasse, in dem nicht vom Wunsch Albaniens, in die EU aufgenommen zu werden, sondern auch die groteske Jagd nach einem goldenen Helm erzählt wird: Nüchtern nannte das Buch einen herrlichen „Bastard“ aus Politthriller, Liebesroman und Studie über die Macht der Symbolpolitik. Voigt gab zu, den Roman zunächst „mit spitzen Fingern“ in die Hand genommen zu haben, um sich dann aber über das gelungene Figurenensemble und die vielen Erzählstränge zu freuen, die in einem furiosen Finale zusammenfinden.

Über diese Bücher wurde diskutiert

Platz 5 (50 Punkte) Alain Claude Sulzer: Doppelleben

Edmont und Jules de Goncourt, ein Autorenduo, das gemeinsam in einem Haus lebte und schrieb. Berühmt wurden sie durch ihre Tagebücher. Sulzer gelingt auf empathische Weise ein literarisches Doppelporträt.

Platz 4 (71 Punkte) Emilio Lussu: Marsch auf Rom und Umgebung

Im Oktober 2022 jährte sich der Marsch von Benito Mussolinis faschistischer Bewegung auf die italienische Hauptstadt zum 100. Mal. Lussus 1932 erschienenes Buch ist ein präziser Zeit- und Augenzeugenbericht.

Platz 3 (85 Punkte) Margaret Atwood: Innigst / Dearly. Gedichte eines Lebens / Poems of a Lifetime

Gedichte aus den Jahren zwischen 2008 und 2019 in einer zweisprachigen Ausgabe. Atwood schreibt in einem melancholischen Tonfall, doch gleichzeitig baut ihre fein geschliffene Sprache auch Trostpunkte in einer versehrten Welt auf.

Platz 2 (86 Punkte) Robert Menasse: Die Erweiterung

Für seinen Roman „Die Hauptstadt“ wurde der österreichische Schriftsteller Robert Menasse im Jahr 2017 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet. Nun hat Menasse mit „Die Erweiterung“ sein EU-Schreibprojekt gen Osten ausgeweitet.

Literatur SWR Bestenliste Januar

Die SWR Bestenliste empfiehlt seit über 40 Jahren verlässlich monatlich zehn lesenswerte Bücher, unabhängig von Bestsellerlisten. Nicht die Bücher, die am häufigsten verkauft werden, bestimmen die Liste, sondern eine Jury, bestehend aus 30 namhaften LiteraturkritikerInnen, wählt die Bücher aus, denen sie möglichst viele LeserInnen wünscht.

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