Diskussion über vier Bücher

SWR Bestenliste Dezember 2022

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Carsten Otte

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Die Jury-Runde mit Sandra Kegel, Beate Tröger und Christoph Schröder, die im barocken Schießhaus über vier ausgewählte Titel der SWR Besenliste im Dezember diskutierte, war sich oft uneins: Schon beim ersten Titel, nämlich bei Peter Kurzecks Prosafragment „Und wo mein Haus“, das Rudi Deuble aus dem Nachlass des Autors herausgegeben hat, zeigten sich unterschiedliche Lesarten. Während FAZ-Feuilletonchefin Kegel in dem Text nur noch vereinzelte Ansätze der großen Erzählkunst Kurzecks erkennen mochte, meinte Literaturkritiker Schröder, die Passagen über die winterliche Nachkriegslandschaft seien das Schönste, was er seit langem gelesen habe. Kollegin Tröger pflichtete bei und verwies auf die sprachliche Detailgenauigkeit auch in dem nachgelassenen Werk.

Sandra Kegel pries Juri Andruchowytschs Roman „Radio Nacht“ als visionären Trauergesang auf Osteuropa. Die Irritation über die Vielzahl der literarischen Referenzen gehöre zum überzeugenden literarischen Verfahren, sagte Beate Tröger, während sich Christoph Schröder fragte, ob die sprachliche Spielerei nicht doch an manchen Stellen übers Ziel hinausschieße. Vielleicht hätte Annie Ernaux diesen Roman lektorieren sollen, meinte Schröder. Deren gerade mal 70 Seiten umfassende Schwestererzählung „Das andere Mädchen“ halte er hingegen für eine Petitesse. Dagegen argumentierten Kegel und Tröger, der autobiographische Text offenbare den Urgrund des Schreibens der Nobelpreisträgerin und entfalte auf kleinem Raum eine monströse Geschichte.

Das einzige Buch des Abends, bei dem sich Sandra Kegel, Beate Tröger und Christoph Schröder im Lob einig waren, war Monika Fagerholms „Wer hat Bambi getötet?“ – weil die Autorin Form und Inhalt kongenial zusammenbringe. Die Jury gab zu, erst durch die Übersetzerin Antje Rávik Strubel auf das Werk hingewiesen worden zu sein, das mit einer nahezu zersplitterten Sprache von einer Massenvergewaltigung im wohlstandsverwahrlosten Milieu Helsinkis erzählt. Dementsprechend euphorisch wurde die „Entdeckung“ von der Runde gefeiert, die in Skandinavien bereits mit dem Literaturpreis des Nordischen Rates ausgezeichnet wurde.

Über diese Bücher wurde diskutiert

Platz 5 (52 Punkte) Peter Kurzeck: Und wo mein Haus?

Im November 2013 starb Peter Kurzeck in Frankfurt. Mit „Und wo mein Haus?“ ist nun der achte Band des Projekts „Das alte Jahrhundert“ posthum erschienen – einer der schönsten Texte, die Kurzeck je geschrieben hat.

Platz 2 (59 Punkte) Juri Andruchowytsch: Radio Nacht

Der Musiker Josip Rotsky lebt im Schweizer Exil, wo er sich als Barpianist durchschlägt. Als der Diktator seines Landes in eben diesem Hotel zu Gast ist, trifft Rotsky eine Entscheidung. Wild geht es zu, wie immer bei Andruchowytsch.

Platz 3 (53 Punkte) Annie Ernaux: Das andere Mädchen

Zehn Jahre alt war Annie Ernaux, als sie erfuhr, dass sie eine Schwester hatte. Dieses Mädchen ist im Alter von sechs Jahren an Diphterie gestorben. Das Buch ist ein Brief an die tote Schwester, geschrieben Jahrzehnte später.

Platz 1 (94 Punkte) Monika Fagerholm: Wer hat Bambi getötet?

Ein nobler Villenvorort in der finnischen Hauptstadt Helsinki. Zwei Freunde und ein Mädchen aus unterprivilegierten Verhältnissen. Es kommt zu einer schrecklichen Gewalttat, deren Konsequenzen alle erschüttert.

Literatur SWR Bestenliste Februar

Die SWR Bestenliste empfiehlt seit über 40 Jahren verlässlich monatlich zehn lesenswerte Bücher, unabhängig von Bestsellerlisten. Nicht die Bücher, die am häufigsten verkauft werden, bestimmen die Liste, sondern eine Jury, bestehend aus 30 namhaften LiteraturkritikerInnen, wählt die Bücher aus, denen sie möglichst viele LeserInnen wünscht.

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