Platz 10 (21 Punkte)

Michael Kleeberg: Dämmerung

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Abschied von Charly Renn aka Karlmann, dem Michael Kleeberg nun den dritten und auch letzten Roman widmet. Zum 60. Geburtstag seines Helden lässt Kleeberg diesen ein großes Fest feiern und Bilanz ziehen, die nicht nur eine persönliche ist, sondern naturgemäß auch die der Epoche. Im Wechsel zwischen erster und dritter Person meldet Kleeberg den Anspruch individueller wie gesellschaftlicher Gültigkeit an, und das gelingt unter anderem deshalb, weil Kleeberg seine Figur ebenso ernstnimmt wie dessen Wahrnehmungen. Hier wird nichts vorgeführt, sondern alles ist einer präzisen Betrachtung unterworfen.

Die Corona-Pandemie kommt ins Spiel, der Krieg in der Ukraine, aber auch mit heftigen MeToo-Vorwürfen ist Charly konfrontiert. Darüber hinaus hat er Ärger mit dem Erbe, das sein Vater ihm hinterlassen hat, und mit seiner Tochter, für die er ein Fremder ist. „Durch alle möglichen Scheußlichkeitsmühlen“, so formuliert der Autor selbst es, hat er seine Figur gedreht, weswegen der Roman fairerweise dann auch der Hauptfigur selbst gewidmet ist. Immerhin hat sie all das heldenhaft überlebt.

Knapp vierzig Jahre bundesrepublikanischer Zeitgeschichte laufen in Kleebergs „Karlmann“-Romanen nebenher mit. Ein deutscher Rabbit sozusagen. Ein Durchschnittsmann, der nicht liest und der insgesamt von Kultur eher abgeschreckt ist. Ist er ein Opportunist? Ein Widerling gar? Oder ein Jedermann? Zumindest ein Mann, dessen Zeit, wenn man sich draußen so umhört, eigentlich abgelaufen sein müsste. Umso besser, dass er durch und mit Michael Kleeberg noch einmal zu großer Form aufläuft.

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SWR