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Alain Claude Sulzer: Doppelleben

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Der 1953 in Basel geborene Alain Claude Sulzer hat bereits in mehreren Romanen seine Fähigkeit zur eleganten Literarisierung historischer Biografien unter Beweis gestellt. So beispielswiese in seinem Roman „Postskriptum“, in dem er den (fiktiven) Schauspieler Lionel Kupfer in das legendäre Sils Maria schickte.

Nun hat Sulzer sich ein Brüderpaar vorgenommen, dessen Namen man vor allem darum kennt, weil der bedeutendste französische Literaturpreis nach ihm benannt ist: Edmont und Jules de Goncourt, geboren 1822 beziehungsweise 1830, waren ein Autorenduo, das gemeinsam in einem Haus lebte, dachte und schrieb.

Berühmt geworden sind die Goncourt-Brüder weniger aufgrund ihrer Romane als durch ihr Journal, das sie ab 1851 gemeinsam führten. Diese Bände, die Edmond nach dem Tod seines Bruders über 25 Jahre allein weiterführte und zu seinen Lebzeiten nur in stark bereinigter Form erschienen, stecken voll von Boshaftigkeiten, Klatsch und indiskreten Details über die Pariser Literatur- und Kulturszene. Alain Claude Sulzer ergänzt die bekannten und verbürgten biografischen Details mit fiktiven Geschichten, hauptsächlich jener um die Schwangerschaft der Haushälterin Rose.

Sulzer geht es nicht um die Skandale, nicht um die Indiskretionen, die die Tagebücher so berühmt gemacht haben; er wendet vielmehr die Perspektive – auf diese Weise gelingt ihm das Doppelporträt zweier symbiotisch miteinander verbundener Menschen und deren Innenleben, und das auf eine dem Goncourt’schen Schaffen gegenüber geradezu empathische und dezente Weise.

Diskussion über vier Bücher SWR Bestenliste Januar 2023

Das Gespräch über vier Bücher der SWR Bestenliste im Januar begann mit Dissens. Während Jurymitglied Kirsten Voigt die Gesamtkonstruktion von Alain Claude Sulzers Roman „Doppelleben“ lobte, der von den Gebrüdern Goncourt und ihrer Haushälterin Rose handelt, vermisste Literaturkritiker Klaus Nüchtern den konsistenten Ton in dem Text und bemängelte auch zahlreiche misslungene und kitschige Formulierungen.
Bei der Diskussion zu Emilio Lussus „Marsch auf Rom und Umgebung“ waren die Rollen dann anders verteilt. Voigt sprach dem historischen Werk die literarische Qualität ab, sprach aber von einer bedrückenden, politisch-aktuellen Relevanz. Nüchtern verwies auf den eleganten Spott des Autors, der eine immer stilsichere Schmierenkomödie der Macht geschrieben habe.
Vor allem die Tiergedichte im neuen Lyrikband „Innigst“ der kanadischen Schriftstellerin Margret Atwood überzeugten sowohl Nüchtern als auch Voigt, die zudem auf den biographischen Hintergrund der karg-melancholischen Poesie verwies. Moderator Carsten Otte ließ es sich nicht nehmen, die Harmonie der Jury etwas zu trüben und auf die schwächeren Gedichte des Bandes hinzuweisen.
Einigkeit herrschte zum Abschluss über den vielseitig gelungenen Roman „Die Erweiterung“ von Robert Menasse, in dem nicht vom Wunsch Albaniens, in die EU aufgenommen zu werden, sondern auch die groteske Jagd nach einem goldenen Helm erzählt wird: Nüchtern nannte das Buch einen herrlichen „Bastard“ aus Politthriller, Liebesroman und Studie über die Macht der Symbolpolitik. Voigt gab zu, den Roman zunächst „mit spitzen Fingern“ in die Hand genommen zu haben, um sich dann aber über das gelungene Figurenensemble und die vielen Erzählstränge zu freuen, die in einem furiosen Finale zusammenfinden.

SWR Bestenliste SWR2

Literatur SWR Bestenliste Januar

Die SWR Bestenliste empfiehlt seit über 40 Jahren verlässlich monatlich zehn lesenswerte Bücher, unabhängig von Bestsellerlisten. Nicht die Bücher, die am häufigsten verkauft werden, bestimmen die Liste, sondern eine Jury, bestehend aus 30 namhaften LiteraturkritikerInnen, wählt die Bücher aus, denen sie möglichst viele LeserInnen wünscht.

Buchkritik Alain Claude Sulzer - Unhaltbare Zustände

Was bedeutet es, beruflich abgehängt, gar aussortiert zu werden. Wie geht jemand damit um, der 58 Jahre alt ist? Alain Claude Sulzer erzählt in seinem Roman „Unhaltbare Zustände“ von einem Schweizer Schaufensterdekorateur, der mit den einschneidenden gesellschaftlichen Veränderungen der späten sechziger Jahre nicht mehr zurechtkommt.
Rezension von Gerrit Bartels.

Galiani Berlin Verlag
ISBN 978-3-86971-194-2
272 Seiten
22 Euro

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