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Mohsin Hamid: Der letzte weiße Mann

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Gregor Samsa lässt grüßen: „Eines Morgens wachte Anders, ein weißer Mann, auf und stellte fest, dass seine Haut sich unleugbar tiefbraun gefärbt hatte.“ Mit diesem Satz eröffnet Mohsin Hamid seinen Roman, der in einem großen Gedankenexperiment die Verhältnisse einfach einmal auf den Kopf stellt.

Anders wird nicht der Einzige bleiben, dem diese radikale Hautfarbenveränderung widerfährt: Immer mehr Weiße mutieren in einer namenlosen Stadt plötzlich zu dunkelhäutigen Menschen; Verschwörungstheorien werden aufgestellt, Unruhe kommt auf, mit weißen Menschen bestückte Bürgerwehren patrouillieren durch die Straßen.

Anders versucht, seine schwarze Haut zu verbergen, teils aus Scham, teils, um nicht Opfer eines Mobs zu werden. Doch eines Tages offenbart er sich seiner Freundin Oona, mit der er eine Affäre hat, und seinem schwerkranken Vater, der Anders mit einem Gewehr ausstattet. Hamid erklärt nichts und hinterfragt nichts. Anhand der Verwandlung seines Protagonisten arbeitet er verschiedene Erscheinungsformen von Rassismus heraus.

Der Autor, in Pakistan geboren, heute in London lebend, hat in einem Interview erzählt, dass sein Roman auch eigene Erfahrungen verarbeite, die er nach dem 11. September 2001 gemacht habe, als er noch als Unternehmensberater in New York lebte – das Gefühl, plötzlich im eigenen Land als Fremder, ja als Feind betrachtet zu werden. „Der letzte weiße Mann“ liefert einen Gegenentwurf dazu: Es ist auch die Vision einer Welt, in der die Hautfarbe dann irgendwann keine Rolle mehr spielt

Diskussion über vier Bücher SWR Bestenliste November

Schon das erste Buch der Bestenliste-Diskussion in Frankfurt, nämlich Mohsin Hamids Roman „Der letzte weiße Mann“, bot kontroverse Meinungen. Die literarische Versuchsanordnung erzählt von einem Hautfarbenwechsel der Figuren: „Eines Morgens wachte Anders, ein weißer Mann, auf und stellte fest, dass seine Haut sich unleugbar tiefbraun gefärbt hatte.“ Doch abgesehen vom starken Einstieg kritisiert Martin Ebel die schwache Durchführung des Stoffs. „Wenn man wie Kafka anfängt, dann muss man auch eine Zeitlang wie Kafka weitermachen. Aber dem Autor geht die Luft aus.“ Shirin Sojitrawalla hielt dagegen: „Die Geschichte verläppert absichtlich, denn dieses unbefriedigende Auslaufen ist Teil des literarischen Spiels.“
Für besondere Aufmerksamkeit auch im Publikum sorgte die Wiederentdeckung von Christine Wolters Roman „Die Alleinseglerin“, der 1982 in der DDR zum ersten Mal erschienen ist und nun erneut veröffentlicht wurde. Cornelia Geißler lobte die Zeitlosigkeit der Prosa. Auch Martin Ebel, der sich dunkel erinnerte, das Buch schon vor vierzig Jahren gelesen zu haben, war begeistert über den Umgang der Autorin mit der widersprüchlichen Schiffssymbolik. Shirin Sojitrawalla hingegen erinnerte an feministische Texte, die zur selben Zeit in Westeuropa erschienen sind und meinte, Wolters Roman sei leider vom „Muff“ jener Gesellschaft geprägt, die in dem Text beschrieben werde.
Die Jury lobte die gewagte Konstruktion und die erstaunlichen Wendepunkte des Romans „Lektionen“ von Ian McEwan. Zwei Lebensentwürfe werden gegenübergestellt: Roland lässt sich durch sein „formloses“ Leben treiben, Alissa verlässt ihren Gatten und wird erfolgreiche Schriftstellerin. Wer aber ist glücklicher? Welche Lektionen erteilt das Schicksal den beiden bzw. der Text dem lesenden Publikum? Die Inszenierung mancher Szenen kritisierte Jurorin Sojitrawalla als zu „hollywoodreif“. Neben der bestürzenden Liebes- und Missbrauchsgeschichte in der Jugend des Protagonisten wurden insbesondere von Cornelia Geißler die literarischen Exkursionen des Romans in die Zeitgeschichte hervorgehoben.
Das Buch auf Platz 2 der SWR Bestenliste im November sorgte für einhellige Reaktionen in der Runde: Claire Keegans trauriges Weihnachtsmärchen sei in seiner „warmen Perfektion“ schlichtweg „makellos“, sagte Martin Ebel. Die Naturbezüge in dieser Novelle überzeugten sowohl Cornelia Geißler als auch Shirin Sojitrawalla. Geißler lobte die fein herausgearbeiteten Details in der Prosa. Die Jurorin Sojitrawalla hob die Kunst der Autorin hervor, eine Geschichte zu erzählen, die nach Charles Dickens klinge, aber im Irland der 1980er Jahre angesiedelt ist.  mehr...

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