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Péter Nádas: Schauergeschichten

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Auch der 1942 geborene Ungar Péter Nádas gehört seit Jahren zu den Anwärtern auf den Literatur-Nobelpreis. Spätestens seit seinem opulenten, zu Beginn der 1990er-Jahre erschienenen „Buch der Erinnerung“ steht Nádas in der ersten Reihe der großen europäischen Literatur. Auch in seinen knapp 600 Seiten „Schauergeschichten“ hebt Nádas an zu einem großen Arrangement von Stimmen und Figuren.

Wir befinden uns in den 1960er-Jahren in einem namenlosen Dorf im Donautal. Die Landschaft hat einen archaischen Anstrich; in den Charakteren des Dorfes findet sich alles, was das Menschliche ausmacht: Schwachsinn und Niedertracht, philosophisch hochfliegendes Gewäsch, Aberglaube, Intrigantentum, Bösartigkeit und – ja – auch Liebe.

Es wird derb geflucht und mit den Jahreszeiten gelebt. Wenn es nicht zu Überflutungen kommt, ist der Boden trocken und gibt wenig her. Man kommt eben so durch. Und dann ist da eine Frau, von allen nur „das Zwerglein“ genannt, hat mit einem unbekannten Vater einen Sohn von hünenhafter Gestalt gezeugt. Imre ist voll von finsteren Gedanken, weswegen an ihm eine Teufelsaustreibung durchgeführt werden soll, während die schöne Piroschka an Imre eine verbotene Anziehungskraft entdeckt.

„Schauergeschichten“ schwebt tatsächlich in einem überzeitlichen Raum des allgemeinen Stillstands. Hinter all den handfesten und zum Teil obszönen Szenen stellt Nádas die Frage, was den Menschen eigentlich ausmacht, wenn er bis auf die Essenz eingekocht wird.

Buchkritik Péter Nádas – Schauergeschichten

Ein Roman, so strömungsmächtig wie die Donau, an deren Ufern er spielt. Die Erzählerstimmer von Péter Nádas nimmt alles in sich auf, was in einem kleinen ungarischen Dorf geschieht, alle Stimmen, alle Vorurteile, alle Gewalt und allen Aberglauben. Wie Nádas von Figur zu Figur und von Stimme zu Stimme wandert und alle in einem gewaltigen und gewalttätigen kollektiven Sprechen aufgehen lässt, ist literarisch einzigartig. | Rezension von Jörg Magenau | Aus dem Ungarischen von Heinrich Eisterer | Rowohlt Verlag, 576 Seiten, 30 Euro | ISBN 978-3-498-00228-2  mehr...

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