Platz 5 (37 Punkte)

Durs Grünbein: Äquidistanz

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Durs Grünbein ist bereits in jungen Jahren zum Dichterstar geworden und als bislang jüngster Autor mit dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet worden. Seine neuen Gedichte sind bemerkenswert: Zum einen schreibt er weniger radikal, er ist sanftmütiger und weiter in der Perspektive geworden. Zum anderen aber ist er seinen Themenfeldern treu geblieben: dem Körper und der Art und Weise, wie man darauf blickt. Das Historische in Verbindung mit den ästhetischen Möglichkeiten seiner Darstellung. Die Natur und der Mensch und deren Wechselwirkungen.

So ist das Gedicht „Nicht der Specht“, mit dem der neue Band eröffnet, in seiner stillen Eindringlichkeit ein geradezu klassischer Grünbein: „Es ist eine schmale Narbe am Fuß,/die sticht, wenn das Wetter umschlägt./Es ist unterm Jochbein der kleine Krater,/der den Sturz aus der Kindheit markiert./Es war die Luft im militärischen Sektor,/die schwer auf den Lungen lastete./Es war nicht der Specht, der allein/einen ganzen Wald verhexen konnte/mit seinem kleinen Maschinengewehr./Nicht die Stille in den Wartezimmern,/bis die Schwester einen beim Namen rief./Nicht das Brüllen der Höhlenbewohner,/das in den Tunneln der Städte widerhallte./Es ist das Muttermal im Genick, am Ende/der Wirbelsäule, mit ihm fing es an.“

Grünbeins Ton hat einen hohen Wiedererkennungswert. Er schmiegt sich bereitwilliger an die Gegenstände als in den frühen Jahren. Zugleich hat Grünbein in seinen neuen, knapp einhundert Gedichten, die in zehn große Kapitel geordnet sind, den interessierten Blick des Forschers behalten. Das zeigt schon der Titel des Bandes, der sowohl in der Geometrie als auch in der Musik eine Funktion hat. Die Wissenschaft und die Kunst – das sind die Pole, zwischen denen Grünbein sich bewegt – in Äquidistanz.

Buchkritik Durs Grünbein - Äquidistanz

Poetisch-historische Gedichte – so wurden Durs Grünbeins lyrische Texte einmal bezeichnet. Auch in seinem jüngsten, zwölften Gedichtband „Äquidistanz“ reist der Poeta doctus nicht nur durch die Welt, sondern vor allem in die Vergangenheit, um etwas über die Gegenwart zu erfahren. | Rezension von Ulrich Rüdenauer.
 
Suhrkamp Verlag, 183 Seiten, 24 Euro
ISBN 978-3-518-43098-9  mehr...

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