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Stefan Hertmans: Der Aufgang

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Im Jahr 1979 zog Stefan Hertmans, seinerzeit ein junger Avantgardist mit hochfliegenden ästhetischen Plänen, in ein Haus in der belgischen Stadt Gent, in dem einstmals ein Mann namens Willem Verhulst gewohnt hatte. Damals interessierte Hertmans das nicht, doch nachdem er rund 20 Jahre später wieder ausgezogen war, begann er zu recherchieren.

Schon in früheren Romanen hat der 1951 geborene Autor sich historischer Stoffe angenommen. Nun geht es um einen Schreibtischtäter, wie Hertmans selbst Verhulst nennt. Heute geht man davon aus, dass der SS-Mann Verhulst mindestens 300 Bürger der Stadt denunziert hat, die anschließend verhaftet und in Arbeits- oder Konzentrationslager verbracht wurden. Hertmans charakterisiert Verhulst als einen Feigling und Opportunisten, der aus pangermanischem Wahn den Tätern die Opfer zuführte.

Verhulsts Sohn hat ein Buch mit dem Titel „Sohn eines Kollaborateurs“ veröffentlicht; später dann auch Verhulsts Tochter, die aber wiederum über ihre Mutter porträtiert hatte: „Tochter einer fantastischen Mutter“, so hatte sie ihr Buch genannt.

Dieser scheinbare Widerspruch hat Hertmans gereizt: Wie ging das zusammen? Eine pazifistische niederländische Widerstandskämpferin und ein flämischer Kollaborateur? Verhulst rührt mit seinem Buch auch an nationale Wunden, an Verdrängungsprozesse und selbstbetrügerischen Relativierungen. Er schlägt einen Bogen zwischen dem Mikrokosmos einer zerrissenen Familie und den historischen Vorgängen.

Verhulst floh gegen Kriegsende nach Deutschland, wurde aufgespürt und zum Tode verurteilt. Das Urteil wurde in eine Haftstrafe umgewandelt, aus der Verhulst 1953 vorzeitig entlassen wurde. Er starb 1975. Vier Jahre vor Hertmans Einzug.

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