Platz 9 (21 Punkte)

Imre Kertész: Heimweh nach dem Tod

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Am 18. März 1960 trifft Imre Kertész einen Entschluss. Er unterbricht die Arbeit an seinem Romanprojekt „Ich, der Henker“, in dem er die Taten eines Nazischergen aus dessen unmittelbarer Perspektive schildern wollte. Stattdessen ist in Kertész die Erkenntnis gereift, dass es an der Zeit sei, seine eigene Mythologie, wie er selbst es nennt, aufzuschreiben: die Geschichte seiner Deportation ins Konzentrationslager. Aus diesem Plan wurde einer der bedeutendsten Romane des 20. Jahrhunderts, der „Roman eines Schicksallosen“, der seinem Autor letztendlich den Literaturnobelpreis einbrachte – ausnahmsweise völlig zurecht.

Imre Kertész starb 2016. In seinem Nachlass wurden kürzlich rund 40 eng beschriebene Seiten gefunden: Tagebuchaufzeichnungen aus den Jahren 1960 bis 1962, in denen der Entstehungsprozess des Romans dokumentiert ist.

In „Heimweh nach dem Tod“ lässt sich nun nachlesen, wie sehr Imre Kertész mit der Sprache, mit dem Stil, mit der Perspektive und mit der Struktur seines Romans gerungen hat. Seine Angst, eine banale Reportage zu schreiben, war ebenso groß wie die Sorge, lediglich eine eintönige Folge gut geschriebener Szenen zu produzieren. Seine literarischen Referenzen – Dostojewski, Camus, Thomas Mann – legt Kertész dabei ebenso offen wie seine Selbstzweifel.

Den Tagebüchern angehängt ist ein zehnseitiger, Ende 1963 entstandener Essay mit dem Titel „Erster Entwurf zu einem Porträt des funktionalen Menschen“, in dem Kertész Auschwitz nicht als einem Sonderfall der Geschichte, sondern als Zwangsläufigkeit betrachtet. Ein wichtiges, ein beeindruckendes Buch.

Literatur SWR Bestenliste Juli/August

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