Platz 8 (21 Punkte)

Antje Rávik Strubel: Blaue Frau

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Adina ist traumatisiert. Das, was ihr widerfahren ist, umkreist Antje Rávik Strubel in dezenter Art und Weise. Sie tritt ihrer Hauptfigur nicht zu nahe, gibt ihr Zeit und Raum. Adina stammt aus dem tschechischen Riesengebirge. 2006 kommt sie nach Berlin, um zu studieren, macht einen Sprachkurs und landet schließlich in der Uckermark. Dort soll ein ost-westeuropäisches Kulturprojekt entstehen.

Einer der Beteiligten dort, ein Mann mit Einfluss und Zugang zu Geldmitteln, vergewaltigt sie. Sehr viel später wird sie den Täter auf einem Empfang an seinem trockenen Husten wiedererkennen. Die Begegnung setzt schmerzliche Erinnerungsschleifen in Gang.

Antje Rávik Strubel ist keine Autorin, die einen solchen Fall nutzt, um eine nur anklagende Geschichte von Machtmissbrauch zu erzählen. Sie ist raffinierter und komplexer. In Rückblenden, Vorausschauen, in unterschiedlichen Stillagen und verteilt auf unterschiedliche Schauplätze zeigt sie, wie sich aus dem Gedächtnis heraus immer wieder unfreiwillig Lawinen von Gedanken lösen können.

Davon abgesetzt ist ein weiterer Handlungsstrang, in dem die dem Buch seinen Titel gebende blaue Frau auftritt. Eine Ich-Erzählerin lernte die Titelfigur am Hafen von Helsinki kennen. Ob es sich bei dieser energetischen und faszinierenden Figur um Adina handelt, bleibt ungeklärt. Die poetische Offenheit des Romans gehört zu seinen großen Vorzügen.

Buchkritik Antje Ravik Strubel - Blaue Frau

Acht Jahre hat Antje Rávik Strubel an ihrem Roman „Blaue Frau“ gearbeitet. Er verbindet das Schicksal einer jungen Tschechin, die nach verstörenden Erlebnissen in Deutschland in Helsinki strandet, mit den historischen und politischen „Dunkelstellen“ Europas. Ein großes Vorhaben, dessen Ergebnis unsere Kritikerin nicht hundertprozentig überzeugt.
Rezension von Julia Schröder.
Fischer Verlag, 432 Seiten, 24 Euro
ISBN: 978-3-10-397101-9  mehr...

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