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Valzhyna Mort: Musik für die Toten und Auferstandenen

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Die Dichterin Valzhyna Mort wurde 1981 in der belarussischen Hauptstadt Minsk geboren, ging 2006 in die USA und lehrt heute an der Universität von Ithaka. Ihren Gedichtband hat sie parallel auf Englisch und Belarussisch geschrieben. In der deutschen Fassung von Katharina Narbutovič und Uljana Wolf ist auch das englische Original zu lesen.

Ihren Arbeitsprozess erläutert Mort in einem den Gedichten angehängten Essay:

„Für die Gedichte, die ich schreiben will, muss ich meine gewohnte Stimme loslassen und in einer Sprache schreiben, die aus Schreien, Weinen und Lachen besteht. Worte sind nur ein Kompromiss.“

Die Zweisprachigkeit ist also nicht Unentschiedenheit, sondern führt unmittelbar in das sprachliche Material hinein. Dieses wiederum ist ein Mittel für die Beschäftigung mit der gewaltvollen Geschichte ihres Herkunftslandes, die sich ihr als eine Serie von Wiederholungen offenbart.

Hinrichtungen, Kriege, Soldaten, versehrte Familien, Belagerung, Unfreiheit. Mort rüttelt mit ihren Gedichten buchstäblich an den Festungen und an den Wörtern, „so lange, bis sie nachgeben und sich verwandeln“, wie sie in einem weiteren Essay schreibt.

Morts Tonfall ist hart und streng durchrhythmisiert. Sie durchstöbert die Geschichte und stößt überall auf Verheerungen:

„Nacheinander
stellen die Straßen sich vor
mit Mördernamen.
In den staatlichen Archiven
kleben die Aktendeckel
fest verkrustet
am Blut der Statistikbögen.“

Diese Gedichte sind eine poetische und zugleich unerbittliche Form literarischer Ahnenforschung.

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