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Kurz vor Weihnachten wird Friederike Mayröcker 96 Jahre alt, und mit diesem Buch setzt sie ihre Chronologie der Eigenwilligkeiten schreibend fort. Es sind Texte aus dem Zeitraum von September 2017 bis November 2019, die hier gesammelt sind, und ob diese Texte sich in ihrer enormen sprachlichen Verdichtung und nicht selten auch in ihrer Rätselhaftigkeit der Prosa oder der Lyrik zuschlagen lassen, ist vollkommen unerheblich, denn es ist der unverwechselbare Mayröcker-Sound, der sie trägt, und der Reichtum des unermesslichen Mayröcker-Universums, der sie prägt.

Ein Universum, das im Übrigen sehr gegenwärtig ist. Instagram findet Erwähnung, und in einem Text aus dem April 2018 schreibt Mayröcker:

„Einen Brosamen im offenen Schnabel indes ich diese Zeilen notiere hüpfet mein Herz ticket mein Herz und trompetet, liegt Vögelchen auf linker Wange, singt Vögelchen eine Kantate! kauert Vögelchen im browser – was ist browser?“

Und immer, wenn man glaubt, man habe eine Ahnung, wie dieses assoziative Spiel der Wörter, Bedeutungen und Gedankensprünge funktioniert, trägt Mayröcker ihre Leser schon weiter. Friederike Mayröcker hat angekündigt, dass dies ihr letztes Buch sein werde. So recht glauben möchte man das nur ungern, doch wenn es denn so sein soll, zeigt sich hier noch einmal frei von jeder Schwermut ein leichthändiges und leichtfertiges Zerschnippeln, Neucollagieren, Zusammenzitieren und Herbeifantasieren, dass es eine Freude ist.

Und so endet Mayröcker mit einer Mischung aus Kindheitserinnerung und Altersklage, mit einem „Weh mir“. Nur wer so bewusst an der Nähe des Endes entlangschreibt, kann dem Tod dichterisch Schnippchen schlagen.

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