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Ali Smith: Herbst

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Keinesfalls sollte man sich von diesem in gedeckt-harmonischen Farben gehaltenen Cover mit der Schreibschrift darauf täuschen lassen: Die Schottin Ali Smith schreibt keine Wohlfühlbücher und hat keinen Hang zur Verklärung.

Im Gegenteil: „Herbst“ ist der erste Teil ihres vierbändigen Jahreszeiten-Zyklus, der die britische Gegenwart der Jahre 2015 und 2016 literarisch begleitet und mithin einen Zeitraum, in dem politische Entscheidungen das Projekt Europa ins Wanken gebracht haben.

„Es war die schlechteste, es war die schlechteste aller Zeiten.“

So beginnt der Roman – mit einem Traum. Derjenige, der hier träumt, heißt Daniel Gluck und ist 100 Jahre alt. Dass er keine große Zukunft vor sich hat, ist eine realistische Prognose. Ob das Geld für seine Pflege noch so lange reicht, bis sein Leben zu Ende ist, ist eine andere Frage.

Ali Smith gestaltet sein Bewusstsein als ein Schwanken zwischen Traum und Erinnerung. Zweimal pro Woche bekommt Daniel Besuch von Elisabeth Demand, Anfang 30, Aushilfsdozentin an einer Universität, die an ihrer Promotion über die Künstlerin Pauline Boty arbeitet. Gluck war zu ihren Kindheitszeiten ihr Nachbar.

Smiths Strategie geht auf: Sie zeigt eine zersplitternde Gegenwart mit den Mitteln der Collage. Der Brexit ist ein Symptom der Abschottung und Vereinzelung. Er läuft im Hintergrund dieser anspielungsreichen Geschichte um Kunst und Individualität.

Ein politischer Roman ohne didaktischen Beigeschmack.

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