Preis der SWR Bestenliste 2006

2006: Agota Kristof: "Die Analphabetin"

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Die Schriftstellerin Agota Kristof erhielt 2006 den mit 10.000 Euro dotierten Preis der SWR-Bestenliste. Agota Kristof wurde ausgezeichnet für ihr Buch "Die Analphabetin", das im August und September 2005 auf der SWR-Bestenliste stand.

Eine "autobiographische Erzählung" hat Agota Kristof ihr Buch genannt. Es ist die Geschichte eines Exils, das nicht nur Heimatverlust bedeutet, sondern auch Sprachverlust.
Ein junges Mädchen in Ungarn liest alles, was es in die Finger bekommt. "Der Krieg hat gerade angefangen."
Dann geht der Krieg zuende. In der Schule wird jetzt russisch gesprochen und gedacht. Weil der Vater, ein Dorfschullehrer, verhaftet wird, kommt das Mädchen ins Internat. 1956 flüchtet die junge Frau mit ihrem Ehemann ins Ungewisse. Sie landen in der Schweiz, der neuen Sprache nicht mächtig. Sie ist eine Analphabetin.
Und lernt Französisch. Die fremde Sprache, die ihre Muttersprache verdrängt.
Die Sprache, die sie zur Schriftstellerin macht.

Agota Kristof wurde am 30. Oktober 1935 in Ungarn geboren. Sie verließ ihre Heimat während der Revolution 1956 und kam über Umwege nach Neuchâtel in der Schweiz, wo sie bis heute lebt.

Die Begründung der Jury:

"Die Jury der SWR-Bestenliste zeichnet die aus Ungarn stammende, seit 1956
in der Westschweiz lebende Autorin Agota Kristof für ihre autobiographische
Erzählung "Die Analphabetin" aus und will damit nachdrücklich auch auf ihr gesamtes Werk hinweisen.

Mit minimalistischer Strenge beschreibt Agota Kristof den Schock der Fremde und den Schmerz des Sprachverlustes im Exil, die jähe Unfähigkeit sich mitteilen, lesen und schreiben zu können. Den elementaren Mangel überwindet die "Analphabetin" durch den Erwerb des Französischen, der von ihr nicht gewählten, sondern ihr vom Schicksal aufgedrängten Sprache. Sie blieb ein fremdes Idiom und konnte gerade deshalb das Medium ihrer außerordentlichen Prosa werden.

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