Platz 10 (30 Punkte) Herausgegeben von Norbert Wehr

Im Herbst 1919 erschien die von Kurt Pinthus herausgegebene Anthologie „Menschheitsdämmerung“, die bis heute als Standardwerk des literarischen Expressionismus gelten darf: Gottfried Benn, Else Lasker-Schüler, Georg Heym und Georg Trakl waren mit Gedichten in der Sammlung vertreten, die den Höhepunkt des expressionistischen Schreibens markiert. Die „Menscheitsdämmerung“, so schrieb der Herausgeber es in seinem Vorwort, sei „eine Sammlung der Erschütterungen und Leidenschaften, Sammlung von Sehnsucht, Glück und Qual einer Epoche“; sie bilde „die schäumende, chaotische, berstende Totalität unserer Zeit“ ab.

100 Jahre später setzen sich in der von Norbert Wehr herausgegebenen Literaturzeitschrift „Schreibheft“ zeitgenössische Autorinnen und Autoren mit den Texten der „Menschheitsdämmerung“ auseinander, suchen nach produktiven Reibungspunkten, fragen nach Wirkung und Aktualität, schreiben fort. Marcel Beyer berichtet von seiner früheren Furcht vor Johannes R. Becher. Kerstin Preiwuß sucht nach dem Motor in Else Lasker-Schülers Schreiben. Michael Lentz untersucht die „grammatisch-mimologische Ikonizität“ in der Wortkunst August Stramms. Und Ulf Stolterfoht sendet eigene Botschaften an Trakls Knaben Elis.

Für den zweiten „Schreibheft“-Teil hat Esther Kinsky hoch interessante Essays über das Leben in Glasgow und über den Wandel der Stadt zusammengestellt. So viele flirrende Gedanken und Schneisen durch wuchernde Ideen bekommt man selten auf so engem Raum.

Zum Herausgeber:

Norbert Wehr
geb. 1956 in Aachen, lebt in Essen und Köln.
Herausgeber des Schreibheft, Zeitschrift für Literatur, Literaturkritiker, Hörfunkautor und Moderator.

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