Buch-Tipp

Bernd Alois Zimmermann — Intervall und Zeit

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AUTOR/IN
Georg Waßmuth

„Ich kann nicht mehr komponieren.“ Der Komponist Bernd Alois Zimmermann beginnt 1970 die Arbeit an einem Requiem. Zu dieser Zeit leidet er an schweren Depressionen und einem unheilbaren Augenleiden. Noch im selben Jahr begeht der Komponist Selbstmord. Fünfzig Jahre später ist nun in einer Kooperation des Wolke Verlags und Schott Music die Textsammlung des Komponisten in der Neuauflage „Bernd Alois Zimmermann — Intervall und Zeit“ erschienen. Georg Waßmuth hat das Buch gelesen.

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Ein „Reisender in Sachen Tonwaren“

Auf dem Cover der Neuerscheinung sieht man einen irgendwie verwegen dreinblickenden Typ. Mit Schlaghosen, langem Mantel und Hut ist er gerade dabei, schwungvoll ein Zugabteil zu entern. Der Komponist Bernd Alois Zimmermann als „Reisender in Sachen Tonwaren“. So locker und beschwingt hat man ihn selten wahrgenommen.

„Intervall und Zeit“, herausgegeben und kommentiert von Rainer Peters, versammelt nicht nur schwergewichtige Texte des Komponisten. Das 216 Seiten umfassende Hardcover ist auch mit zahlreichen privaten Fotos aus dem Archiv der Familie aufgelockert. Bernd Alois Zimmermann mit Pudelmütze am Strand, auf Studienreisen in südlichen Ländern samt Schnappschuss der Pension „La Palma“.

Musik-Beobachter der Nachkriegszeit

Unterteilt werden mit den Fotos 21 Texte des Komponisten zur Musik, die Zimmermann ab dem Jahre 1949 unregelmäßig in den verschiedensten Medien veröffentlichte. Es ist beileibe keine leichte Kost.

Die sogenannte „Ernste Musik“ war nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in großer Erklärungsnot. Ausschließlich Männer, wie der von sich selbst sehr überzeugte Karl-Heinz Stockhausen, suchten bei den Darmstädter Ferienkursen nach neuen Klängen, die nicht vorbelastet oder verbraucht schienen.

Für die „Rheinische Zeitung“ war Bernd Alois Zimmermann Zaungast. Sein knapper Bericht eröffnet den Reigen der Texte. 

„Im Ganzen gesehen hatte die Musikwoche sowohl hinsichtlich des Programms als auch hinsichtlich der Solisten ein hohes Niveau, ganz abgesehen von der Tatsache, daß Werke aufgeführt wurden, die man bisher nicht gehört hatte, wie es bis jetzt in Deutschland nach dem Kriege nicht möglich war.“

Unverwechselbarer Personalstil

Zum inneren Zirkel der Avantgarde sollte und wollte Bernd Alois Zimmermann nie gehören. Er war ein Bewohner des Zwischenstockwerks. Verankert in der Tradition, doch hochbegabt mit einem ganz und gar unverwechselbaren Personalstil. Das sollte ihm noch viel Neid und Missgunst der selbst ernannten Statthalter der Moderne einbringen. Doch zuerst war da noch suchen und tasten nach dem Eigenen. „Entscheidung im Material – Die Situation des jungen Komponisten“ ist ein Text aus dem Jahr 1950 überschreiben.

„Eine Generation, die in einer nur in unserem Zeitalter möglichen Gleichzeitigkeit die verschiedensten stilistischen Strömungen in den verschiedensten Entwicklungsstadien im erbarmungslos scharfen Schnittpunkt kritisch erlebt, stößt sehr bald, zwangsläufig, zu entscheidenden geistigen Basen ihrer Aussage vor und von diesem allem anderen übergeordneten Prinzip der Aussage ordnet und bestimmt sie die Mittel, die ihr dienlich erscheinen.“

Kommentare helfen bei der Einordnung

Jedem Text von Bernd Alois Zimmermann ist ein Kommentar von Herausgeber Rainer Peters zugeordnet. Nur mit dieser Handreichung gelingt es dem Interessierten, die Texte des Komponisten einzuordnen und seinen Gedankengängen zu folgen. Zimmermann war kein Dünnbrettbohrer, der leicht Konsumierbares ablieferte. Ein zentraler Grundlagentext aus dem Jahr 1957 steht quasi im Mittelpunkt des Bandes und lieferte auch die Überschrift „Intervall und Zeit“.

„Bei der Untersuchung dessen, was Ton ist, gibt es zwei grundsätzliche Betrachtungsweisen: die physikalische und die musikalische. Die Töne erscheinen in physikalischer Hinsicht als periodische Schwingungen eines stofflichen Mediums. Dabei stellt sich heraus, dass das, was wir in der Musik als Ton zu bezeichnen pflegen, etwas durchaus Zusammengesetztes ist. Es ist genau genommen ein Klang, eine Summe also von mehreren Schwingungsvorgängen, die vermöge bestimmter Bedingungen akustischer Art den „Ton“ bestimmen.“

Vergangenheit und Zukunft sind immer präsent

Von dieser Eingangssequenz zu „Intervall und Zeit“ hebt Zimmermann ab zu einer Kompositions-Theorie, die all sein weiteres Schaffen bis zum Lebensende durchdringen wird. Wie kein anderer hat er verinnerlicht, dass man grundsätzlich nichts Neues schaffen kann, sondern Vergangenheit und Zukunft in der Gegenwart präsent ist.  

„Die Musik wird wesentlich bestimmt durch die Ordnung des zeitlichen Ablaufs, in dem sie sich darstellt und dem sie hineingestellt ist. Darin liegt zugleich die tiefste Antinomie beschlossen, denn kraft höchster Organisation der Zeit wird diese selbst überwunden und in eine Ordnung gebracht, die den Anschein des Zeitlosen erhält.“ 

Langer Kampf bis zur Uraufführung

In keinem Werk der Musikgeschichte ist Zimmermanns Idee von der „Kugelgestalt der Zeit“ so umgesetzt worden wie in seiner Oper „Die Soldaten“. Gleich auf mehreren Ebenen wird die Verstrickung von Zukunft und Vergangenheit mit allem, was Musiktheater aufbieten kann dargestellt.

Viele Jahre dauerte der Kampf bis zur Uraufführung im Jahr 1965 . Danach war Zimmerman erschöpft und ausgelaugt. Trotzdem sind seine späten Texte genau wie seine Musik von großem Gehalt.

Buch läd zum Schmökern ein

Bernd Alois Zimmermann „Intervall und Zeit“ ist ein Buch zum intensiven Schmökern im Ohrensessel. Für Interessierte hat Herausgeber Rainer Peters eine Auswahl von Texten zusammengestellt und kommentiert, mit der man sich in dieser Gedankenwelt aus Raum, Zeit und Musik sehr gut orientieren kann.

Am besten hat man parallel eine Musikauswahl des Komponisten zur Hand und lockert so die Kapitel auf.

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