SWR2 Buch der Woche vom 30.09.2018

Wolf Haas: Junger Mann

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Mit seinen skurrilen Brenner-Krimis ist Wolf Haas bekannt geworden. Jetzt widmet er sich einem anderen Stoff: "Junger Mann", ist die – autobiographisch gefärbte – Coming of Age-Story eines übergewichtigen Teenagers im Österreich der 70er Jahre. Die Motive einer unmöglichen Liebe und einer unerwarteten Fahrt erinnern an Wolfgang Herrndorfs "Tschick".

Das alles im bewährten Haas-Sound: große Gefühle in kurzen Sätzen, herrliche Austriazismen, sprachliche Pointen und viel Situationskomik. Ein leichtes, aber hintersinniges Buch, das, wie immer bei Wolf Haas, glänzend unterhält.

Der Protagonist hat es im wahrsten Sinne des Wortes schwer

Vier Jahre sind vergangen, seit der österreichische Schriftsteller Wolf Haas seinen letzten Roman vorgelegt hat: "Brennerova", ein Nachspiel zur legendären und ungemein erfolgreichen Krimi-Serie um den Ermittler Simon Brenner, die sich vor allem durch ihren ganz eigenen, skurrilen Sprach-Stil vom unüberschaubaren Krimi-Einerlei abhebt.

Nun ist endlich ein neues Werk des 1960 geborenen Wieners zu lesen. Brenner hat diesmal allerdings Pause. Es ist ein Jugendroman, ein Roman über die Pubertät – was manchmal ja auch eine ziemlich kriminelle Angelegenheit sein kann.

Wolf Haas hat eine Vorliebe für Romanfiguren, die es etwas schwerer haben im Leben. Das gilt verstärkt für den Helden seines neuen Romans, der mit dreizehn Jahren bereits 93 Kilo auf die Waage bringt. Wir schreiben das Jahr 1973, irgendwo in der österreichischen Provinz hinter Salzburg.

Mit einer neuen Blickweise setzt Haas alles auf Anfang

Der junge Mann geht ins Internat, sein Vater, ein Kellner, der es immer zu gut meinte mit seinen Gästen, ist in der psychiatrischen Anstalt gelandet und muss dort unter therapeutischer Anleitung lernen, unhöflich zu sein. Die Öl- und Benzinkrise hat Europa fest in den Griff genommen; plötzlich gibt es autofreie Tage. Da hat der junge Mann gerade den richtigen Ferienjob gefunden:

Die berühmteste Figur des Schriftstellers Wolf Haas ist ein eher knittriger Herr in fortgeschrittenem Alter, Detektiv Simon Brenner, der gemeinsam mit seinem Erzähler ziemlich erfahren und gewitzt über die Welt im Allgemeinen und Besonderen räsoniert.

Nun nimmt Haas das Leben einmal von der anderen Seite in den Blick: Alles auf Anfang gestellt, Pubertät, erste Versuche, sich von dem schwierigen Zuhause abzunabeln, auf die eigenen Beine zu kommen, die Spielregeln der Erwachsenenwelt zu beherrschen. „Coming of Age“ nennt man es neudeutsch. Dazu gehört, klarer Fall, auch die erste grundstürzende Liebeserfahrung. Die lässt im Roman nicht lange auf sich warten.

Schockverliebt beginnt der junge Mann eine folgenschwere Diät

Eines Wintertages kratzt der Ferien-Tankwart eine Autoscheibe eisfrei. Und hat eine Epiphanie…

Elsa heißt die Frau, die so bezaubernd zu lächeln versteht. Im nächsten Moment ist der junge Mann auch schon schwer verliebt. Das Problem besteht darin, dass Elsa bereits Anfang zwanzig ist und auch schon verheiratet. Ihr Mann ist der Autoschrauber und "Teheranfahrer" Tscho, dem der Dreißigtonner Diesel bei aller demonstrativen Maulfaulheit Autorität verschafft.

Egal. Der junge Mann stürzt sich in seine Liebe und beschließt als Sofortmaßnahme zum Schrecken seiner Mutter eine radikale Diät. Das liest sich lustig und anrührend zugleich.

Die Gefühle füreinander sind unterschiedlicher Art

Vor allem sucht er Vorwände und Gelegenheiten, Elsa näher zu kommen. Und das klappt erstaunlich gut. Sie erwidert die Gefühle, auch wenn es andere Gefühle sind: Sympathie, Freundschaft. Elsa, ein eher schlichtes Gemüt, ist im Leben selbst noch nicht richtig in die Spur gekommen. Sie möchte Krankenschwester werden, muss dafür aber noch den Hauptschulabschluss nachholen.

Bald gibt der junge Gymnasiast ihr Nachhilfe, führt sie in die Anfangsgründe des Englischen ein. Da gelingen Haas Dialoge voller skurriler Flirt-Atmosphäre:

Die Finesse des Romans liegt in den beiläufigen Dialogen

Als Tscho herausbekommt, wie gut der junge Mann sich mit seiner Frau versteht, vergeht dem allerdings das Lachen. „Ich muss was mit dir besprechen“ – das klingt bedrohlich. Der Brummi-Pilot nötigt den sprachbegabten Jüngling, auf seine nächste Griechenland-Tour mitzukommen, er brauche dringend einen Übersetzer an der bulgarischen Grenze.

Ist das nun ein Vorwand? Und was hat es mit der Pistole auf sich, die Tscho unterwegs kauft? Jedenfalls entwickelt sich der Roman nun unverhofft zur Road-Novel. Bald schlottert der junge Mann nicht mehr vor Angst, sondern führt mit Tscho in der LKW-Kabine jene beiläufigen Gespräche über Gott und die Welt, für die Wolf Haas ein Händchen hat.

In Griechenland kommt er dann Tschos Geheimnis auf die Spur. Mehr soll nicht verraten werden – nur so viel: Aus der großen Liebe wird nichts, aber fünfzehn Kilo weniger auf der Waage sind ja auch eine Art Happy End.  

Die Handlung – nun ja, die wirkt schon etwas ausgedacht und bisweilen fadenscheinig. Aber noch nie hat ein Roman von Wolf Haas vom Plot allein gelebt. Entscheidend sind die Dialoge und diese leichthändige Art, über das Menschenleben zu reflektieren. Zum Beispiel, als der junge Mann erstmals das Mittelmeer sieht und Tscho seine Ergriffenheit stört:

Auf der Fahrt tauchen deutliche Parallelen zu "Tschick" auf

Zwar bleibt der berühmte Brenner-Sound mit seinen schrägen Floskeln wie "Jetzt pass auf!" oder "Aber interessant!" diesmal außen vor – aber auch "Junger Mann" lebt von den sprachlichen Pointen und der Situationskomik.

Und nicht zuletzt von den Austriazismen, die für die besondere Würze sorgen, Worte wie "Pickerl" oder "Watsche" und Sätze wie: "Meine Tuchent ist mir zu bauschig vorgekommen." Tuchent ist dem Österreicher das Federbett, das plustrige Plumeau.

Tscho erweist sich im Übrigen nicht nur lautlich als ein Verwandter von Tschick; unweigerlich denkt man vor allem in der zweiten Hälfte, wo es auf abenteuerliche Fahrt geht, an den inzwischen zur notorischen Schulbuchlektüre gewordenen Jugendroman von Wolfgang Herrndorf.

"Junger Mann" ist ein leichtes, nicht zu leichtes Buch, vergnüglich und hintersinnig zugleich. Zweifellos hat der 1960 geborene Wolf Haas auch manch Autobiographisches aus seiner eigenen Provinzjugend in den Siebzigern eingearbeitet. Gute Literatur entsteht im Rückwärts-Blick, gewissermaßen in der Haltung eines Skispringers, der die Schanze hinunterrast. 

 

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