Auf den Spuren der "Blumen des Bösen" Das Paris des Charles Baudelaire

SWR2 Wissen. Von Ruthard Stäblein

Baudelaire wird bis heute als großer Dichter der französischen Metropole verehrt. Der Dandy und Stadtnomade starb vor 150 Jahren. Sein Werk schockiert bis heute.   

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Charles Baudelaire wurde 1821 in Paris im Quartier Latin geboren. Als er fünf Jahre alt war, starb sein Vater, die Mutter heiratete bald darauf einen Militär, was der Sohn ihr nie verzieh. Mit 17 flog er vom Elitegymnasium. Der junge Dandy frequentierte das Milieu der Dichter und der Prostituierten; steckte sich dabei wahrscheinlich mit Syphilis an.

Im Herzen von Paris, auf der Ile Saint-Louis, führte er ein Luxusleben: kaufte teure Möbel und Bilder, rauchte Haschisch, vergeudete in zwei Jahren 44.500 Goldfranken, etwa die Hälfte des väterlichen Erbes. Mit 22 wird er entmündigt, bettelt von da an seine Mutter, seinen Vormund, seine Freunde um Geld an. Wechselt ständig die Hotels, kleidet sich in Schwarz wie ein Priester oder färbt sich - wenn er auffallen will - die Haare grün. Dazu rote Krawatten und eiserne Ringe auf amethystfarbenen Handschuhen.

Charles Baudelaire - Gemälde von Gustave Courbet (1819-1877) (Foto: Imago, Imago/Fotograf XY -)
Charles Baudelaire - Gemälde von Gustave Courbet (1819-1877) Imago Imago/Fotograf XY -

Blumen des Bösen

Der junge Baudelaire hat große literarische Pläne - schiebt aber die Arbeit auf. Gelegentlich veröffentlicht er Ausstellungs-Kritiken, seltener noch einzelne Gedichte. Hundert von ihnen bündelt er um 1857 zu den "Blumen des Bösen" – und legt damit den Grundstein der modernen Lyrik.

Baudelaires Gedichte sind – wie die Seele des Verfassers - von Trauer und Melancholie grundiert. Von Langeweile und Ekel, vom "ennui" - einem Gefühl, für das Baudelaire das englische Wort "Spleen" benutzte.

"Fleurs du mal" - "Die Blumen des Bösen" von Charles Baudelaire (Foto: Imago, Imago/Fotograf XY - imago/United Archives International)
"Fleurs du mal" - "Die Blumen des Bösen" von Charles Baudelaire Imago Imago/Fotograf XY - imago/United Archives International

Charles Baudelaire war ein Stadtnomade. Er suchte die verborgenen und verruchten Winkel seiner Stadt auf, die Spielhöllen, die billigen Hotels, die noch billigeren Vorstadtkneipen im Viertel "Faubourg du Temple". Die dunklen Gassen mit den Huren, das Casino in der Rue Cadet, wo er mit einem um den Hals gebundenen gelb oder grün gefärbten Rattenschwanz gesehen wurde.

Der Wein des Mörders

Aber er rauchte auch seine Pfeife im Café Robespierre, speiste in der "Rotonde" am Boulevard Montparnasse, besuchte die Salons der Madame Sabatier, die Buchhandlungen in den Passagen, die Variétés, den Zirkus, das Theater. Er spielte gern Billard und erklärte beim Bier seine Poetik. Er hasste diese Großstadt und konnte doch nicht von ihr lassen. Aus Paris errichtete er sein Lebenswerk, den Gedichtband "Les Fleurs du Mal". Er schockiert bis heute.

Mein Weib ist tot, jetzt bin ich frei!
Nun sauf ich mich um den Verstand.
Kam ich nach Haus mit leerer Hand,
Zerriss den Nerv mir ihr Geschrei.
(...)
Ich warf sie in ein Brunnenloch
Und stieß ihr noch ins tiefe Grab
Das Steingemäuer mit hinab
- Könnt ich sie nur vergessen doch.

Mit diesem Bänkellied "Der Wein des Mörders" wurde Baudelaire berühmt - und berüchtigt. Die Pariser Bohème genoss diesen "starken Tobak"; die Justizbehörden hingegen setzten es auf die Liste der zu verbietenden Texte, als sie 1857 einen Prozess gegen die Veröffentlichung der "Blumen des Bösen" anstrengten.

Ekel vor dem Jahrhundert

Man muss sich unter diesem Weinmörder einen Trinker vorstellen, der in die Vorstadt gezogen ist, weil dort der Wein billiger ist. Bevor er seine Frau umbringt, trinkt er sich in einer Kneipe Mut an. Die Weinhändler hatten den "Wein des Mörders" bereits 1848 in ihrem Blatt veröffentlicht, im Jahr der Revolutionen. Baudelaire, damals 26 Jahre alt, beteiligte sich an den Februar-Aufständen, Gewehr bei Fuß. Dabei hatte er eigennützige Gründe: Er rief dazu auf, General Aupick zu erschießen. Das war sein gehasster Stiefvater.

Illustration von Georges Antoine Rochegrosse (1859-1938) für "Die Blumen des Bösen" in der Neuauflage von 1917 (Foto: Imago, Imago/Fotograf XY -)
Illustration von Georges Antoine Rochegrosse (1859-1938) für "Die Blumen des Bösen" in der Neuauflage von 1917 Imago Imago/Fotograf XY -

Doch schon bald war er von den aufständischen Massen enttäuscht, die Napoleon III. nach seinem Staatsstreich per Referendum 1851 bestätigten. Ein Gefühl von Bitterkeit, Enttäuschung und Verzweiflung blieb bei Baudelaire zurück. Er fühlte sich in seiner prinzipiellen Melancholie bestätigt, in seinem "Ekel" vor diesem 19. Jahrhundert, diesem "ennui", den er mit vielen seiner zeitgenössischen Dichterkollegen teilte.

Die Wirkung von Baudelaires Gedichten beruht auf der Spannung zwischen verruchtem Inhalt und geheiligter Form. Die Grauen und die Schocks der modernen Großstadt Paris und ihrer hässlichen Vorstädte werden gefasst und gebannt in den traditionellen Formen der Verskunst aus der Barockzeit, die Baudelaire beherrschte wie kaum einer seiner Zeitgenossen.

Tickets für Baudelaire

In den Passagen auf der rechten Seite der Seine - der damals modernen Seite von Paris - liebte es der Dandy Baudelaire zu flanieren und sich die neueste Mode anzuschauen. Aber es gab - und gibt noch immer - die alten, verwinkelten und dunklen Gassen mit engen Häusern und schmalen Türen, aus der Zeit vor Haussmanns Planierung.

Die Pariser Markthallen "Les Halles" in einer Lithographie von 1861 (Foto: picture-alliance / akg-images -)
Im Herzen von Paris führte Baudelaire ein Luxusleben picture-alliance / akg-images -

In den "gewundenen Falten" dieser engen Gassen folgt der Dichter kleinen, alten Frauen in löchrigen Röcken, die, zusammengeschrumpft, gebeugt, ihre Armut ertragen müssen. Baudelaire entdeckt in den hässlichen Falten der Stadt, in ihren Schocks und Schrecken die Schönheit der Moderne.

Der Friedhof von Montparnasse. Alles blüht und grünt. Und es ist ruhiger als sonst irgendwo in Paris. Hier liegt Charles Baudelaire begraben. Er starb am 31. August 1867, im Alter von 56 Jahren, an den Folgen einer Syphilis und einer ererbten Krankheit.

Auf seinem Grabstein wird fest gehalten: Baudelaire liegt neben dem General Aupick, dem verhassten Stiefvater. Bewunderer des Dichters haben Blumen niedergelegt. Und handgeschriebene Zettel. Der Regen hat die Schrift verwischt. Die Blumen sind verwelkt. Und dann liegen da als Grabbeigaben der Fans viele, viele Metro-Tickets. Warum nur? – Ja klar. Baudelaire ist der Dichter der Metropole Paris.

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