Buch-Tipp

Dorothée Albers Debüt-Roman “Nachhall einer kurzen Geschichte“

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Dorothée Albers erzählt in ihrem Debüt-Roman „Nachhall einer kurzen Geschichte“ die Geschichte einer niederländischen Musikerfamilie über drei Generationen hinweg.

Plötzlich hörte sie hinter sich ein Pfeifen. Sie begann, langsamer zu gehen. Es war nicht Schüchternheit, die sie davon abhielt, sich gleich umzudrehen, sondern eher der Hang, Spannung aufzubauen und sie zu halten, wie sie es auch beim Spielen tat. Es klang nicht nach einem gut gelaunten Spaziergänger, der eine Melodie vor sich hin pfiff. Das war Brahms. An beiden Armen gleichzeitig stellten sich ihr die Härchen auf. Das Allegretto grazioso aus dem Zweiten Klavierkonzert. Sie lächelte in sich hinein, holte tief Luft und stimmte dann so laut sie konnte mit ein."

Natürlich ist es ein Musikstück, über das sich die junge Pianistin Jet Hamelink und der Cellist Zev Mijling kennen lernen. Sie stammt aus streng katholischem Elternhaus, er aus einer jüdischen Familie im Den Haag der 1950-er Jahre. Immer wieder müssen neue Ausreden herhalten, damit sich Jet von den Fittichen ihres erzkonservativen Vaters entfernen darf. Zev eröffnet ihr nach und nach eine Freiheit, die sie bisher nicht gekannt hatte.  Schließlich wird sie von ihm schwanger.

Doch ihre Eltern durchkreuzen die Beziehung, stecken ihre Tochter ins Kloster. Dort wird ihr nach der Geburt das Baby sofort abgenommen, es wächst bei Pflegeeltern auf. Trotz dieses Traumas bemüht sich Jet ein normales Leben zu führen: Sie heiratet einen Geschäftsmann, wird Konzertpianistin, versucht ihre Erlebnisse aus dem Kloster zu vergessen. Sie flüchtet sich in die Musik. Doch ihre Vergangenheit holt sie immer wieder ein.

Als sie die Bühne betrat, reichte sie auf dem Weg zum Flügel wie üblich dem ersten Geiger die Hand. Der Mann erinnerte sie so sehr an Zev, dass sie beinahe vergaß, seine Hand wieder loszulassen. Aber Zev spielte keine Geige. Ausgerechnet heute Abend stand Brahms auf dem Programm, das erste Klavierkonzert. Sie wischte ihre feuchten Hände an der spröden Seide um ihre Oberschenkel ab, spürte, wie sich der Blick des Geigers in ihren Rücken bohrte, und dann geschah, was in all den Jahren noch nie passiert war; sie begann falsch.“'

Im ersten Teil ihres Romans erzählt Autorin Dorothée Albers die Geschichte Jets in Form kurzer Szenen. Ihre Sprache ist schlicht, präzise, angenehm zu lesen. Der zweite Teil ihres Buches - man ahnt es schon - thematisiert dann das Schicksal von Jurre, Jets unbekanntem Kind. Aus ihm ist ein leidenschaftlicher Saxofonist mit Selbstzweifeln geworden. Seine leibliche Mutter wird er nie persönlich kennen lernen. Er forscht ihr zwar nach, doch sie begegnen sich nie persönlich; nur indirekt bei einer Generalprobe vor einem Konzert mit Jurres Band und der Pianistin Edith.'

„Plötzlich sitzt da eine andere Pianistin; ihr Rücken bewegt sich geschmeidiger als der von Edith, sie trägt die Haare hochgesteckt, ein paar dunkle Büschel liegen locker am Hals. Es tauchen so viele Fragen auf, dass er sie in seinem Spiel nicht behalten, sie kaum klar formulieren kann. Warum hat sie ihn weggegeben, war sie so jung? [...] Er lässt sein Instrument sinken und hört auf das Klavier, das jetzt ganz klar und deutlich klingt. Da sind ihre Antworten, er kann nicht alles verstehen, aber ihr Spiel beruhigt ihn.''

Dorothée Albers Buch handelt von der Musik als Sprache, als Mittel um das auszudrücken, wofür Worte entweder fehlen oder nicht offen ausgesprochen werden daürfen. Es handelt aber auch von der Sprachlosigkeit zwischen den Generationen, von der Musik als unsichtbares Bindeglied zwischen den verschiedenen Protagonistinnen und Protagonisten einer Musikerfamilie, die ihre Wurzeln in der verbotenen Beziehung zwischen Jet und Zev haben.

Der dritte Teil bringt den Leser nun von den 1970-er Jahren in das 21. Jahrhundert und erzählt von Jurres Tochter, der jungen Cellistin Fine. Auch sie möchte von ihrem Vater wissen, wer eigentlich ihre wahren Großeltern sind. Doch statt einer Antwort erhält sie nur beklemmendes Schweigen. Eher zufällig entdeckt die Tochter in der Plattensammlung ihres Vaters eine besonderes Stück: Robert Schumanns "Kinderszenen" in einer Bearbeitung für Klavier und Streichquartett.

Die Aufnahme stammte von einem ausländischen Ensemble, das sie nicht kannte, in Zusammenarbeit mit einer niederländischen Pianistin: Jet Hamelink. Auch dieser Name sagte ihr nichts. [...] Die Schallwellen breiteten sich über ihren ganzen Körper aus. Als ob sie elektrisch aufgeladen würde. Sie setzte sich halb liegend auf die Couch im Wohnzimmer, ließ ihren Kopf auf die Rückenlehne ruhen und schloss die Augen. Tränen liefen ihr über ihre Wangen und den Hals.“

Dorothée Albers Debüt-Roman "Nachhall einer kurzen Geschichte" ist ein höchst lesenswertes Buch, bei dem die Musik die erste Geige spielt. Sehr anschaulich schildert die Autorin, welche psychischen, aber auch körperlichen Regungen sie hervorbringen kann, wie sie einerseits heilen und gleichzeitig aber auch alte Wunden mit einem Ton wieder aufreißen kann.

Gerade aktive Musikerinnen und Musiker werden in diesem Buch des Verlages Karl Rauch viele dieser starken Gefühlen wiederfinden, die sie vielleicht schon einmal selbst beim Musizieren empfunden haben. Aber auch für alle anderen ist dieses sorgfältig komponierte und mit viel Leidenschaft geschriebene Buch für 22 Euro wärmsten zu empfehlen!

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