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10:05 Uhr
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SWR2

Der slowenische Philosoph und Schriftsteller Mirt Komel nähert sich auf literarischen Pfaden der vielschichtigen Person Glenn Gould. Dorothee Riemer hat den gerade auf Deutsch erschienenen Roman von 2015 „Goldman oder Der Klang der Welt“ gelesen.

 „Dunkelheit. Zeitlose, farblose, schwerelose, bleierne Leere ohne mich, dich, ihn oder jemanden oder etwas anderes. Macht nichts. Nicht gerade unausweichlich folgt die unterbewusste Bewegung des Körpers, dann das Erwachen des Bewusstseins: Schmerz, gleißende Helligkeit, Schmerz, Leere, Schmerz – Stimmen. Das eigene Ächzen und Stöhnen. Das Herz schlägt, atme, Blut rinnt, atme, die Wunde heilt, atme. Licht.“

Gabriel Goldman erwacht im Krankenhaus. Er ist auf der Straße gestürzt, hat sich verletzt und ist ins Koma gefallen. Eine Woche lang werden ihn die Ärzte von Kopf bis Fuß untersuchen und nach Ursachen suchen, um ihn dann ohne konkrete Ergebnisse wieder nach Hause zu entlassen. Das ist die Rahmenhandlung des Romans „Goldman oder Der Klang der Welt“. Jedes der zwölf Kapitel beginnt mit einer Szene im Krankenhaus. Das sind aber jeweils nur die Ausgangspunkte für das, was eigentlich erzählt wird: Gabriel Goldmans Leben.

Angefangen von der Geburt, über seine Kindheits- und Jugenderlebnisse und die Jahre als erwachsener Mann bis zu dem Tag des Sturzes. Wie das mit Erinnerungen so ist, sind manche Erlebnisse in aller Klarheit und mit den kleinsten Details noch gegenwärtig, während die Gleichförmigkeit mancher Jahre in einem Halbsatz unterkommen.

Goldmans Erinnerungen kreisen vor allem um das Klavierspielen, denn er ist Pianist. Wir erlauschen mit ihm den Nachhall der allerersten Töne, die er am Klavier spielt. Wir erleben seinen ersten öffentlichen Auftritt und zunehmenden Ruhm, aber auch die vielen einsamen Stunden an seinem Instrument. Und wir erleben immer wieder Goldmans Zwang, Klavierspielen zu müssen, sich vor der Welt ans Klavier retten zu müssen.

Es ist kein Geheimnis, dass der kanadische Pianist Glenn Gould Pate stand für Mirt Komels Roman-Figur Gabriel Goldman. Weniger die biografischen Fakten als die Befindlichkeit Goldman-Goulds spielten dabei offenbar für Komel eine Rolle. So verlegt er die Handlung von Kanada nach New York, und Goldmans erster Klavier-Lehrer ist der russische Großvater und nicht etwa, wie in Goulds Fall, die Mutter. Es geht Komel um die Weltwahrnehmung eines Menschen, der anders ist als andere, der hauptsächlich in Musik existiert, der für manche ein Genie und für manche ein Spinner ist. Eine interessante, gelungene Annäherung an einen komplizierten Menschen in einer überbordenden Sprache.

„Doch mehr noch als all die bunten Geräusche der Stadt interessierten ihn die Mächte der Natur in der Stadt, vor allem nun, da der kleine rousseauhafte Émile, der sich in der Dunkelheit durch Klatschen orientierte, sie an der eigenen Haut erfahren durfte: der Wind und sein ungleichmäßiges Kurven durch die Straßen und die Baumkronen, wenn er an seinen Ohren pfiff und mit Gewalt den Gang des zarten Körpers stoppte; …; die Sonne, die nach einem Regenguss oder einem Unwetter schien und hoch über den Gebäuden einen Regenbogen entstehen ließ, die die Pfützen auf der Straße erhellte, in denen sich der plötzlich klare blaue Himmel spiegelte, die mit großherzigen Strahlen Gabriels kaltes, schneeweißes Gesicht berührte, dessen Lippen sich singend von selbst bewegten, wie ein gut aufgezogenes Uhrwerk, das sich nicht aufhalten lässt, bis seine Zeit abläuft.“

Der an kleinste Beobachtungen gebundene Weltzugang Goldmans spiegelt sich in Komels Sprache, die voller Adjektive und Beschreibungen ist. Jeder Szene fügt Komel noch ein und noch ein Detail an. Goldmans Überwältigung durch tausende Eindrücke, die Suche nach Distanz zu einer Welt, die zu kompliziert, zu voll, zu unübersichtlich ist, wird so für den Leser, die Leserin direkt erfahrbar. Zuweilen bewegt sich diese Lust Komels an bildhafter Sprache allerdings auch hart an der Grenze zum Kitsch.

„Er erhob sich, denn er wünschte sich genau das, wovor sie sich fürchtete, die Tiefe des Meeres, in der man sich selbst verliert, in der es weder ihn noch sie noch irgendetwas anderes gäbe. Er neigte sich über den Bettrand zur Couch und wollte sie küssen, doch sie zog sich zurück und verbarg sich in ihren dunklen Locken. Er streichelte sie und rief sie leise beim Namen, sein Ruf klang für sie nicht nach ihrem Namen, denn mit der ersten Silbe atmete er die ganze Welt ein, mit der anderen sein Selbst zur Gänze aus: „Es – ter.“

Gegen Ende des Romans nehmen die Gould-ähnlichen Szenen immer mehr zu: Goldman, der nun immer Handschuhe trägt, der lieber per Telefon oder Brief statt persönlich kommuniziert, der einen Dämonen in seiner Wohnung halluziniert und zusammenbricht, weil ihn jemand berührt hat. Die Rettung kommt wie immer in Form von Musik: Goldman entdeckt das Komponieren. „Ich vertone, also bin ich“ notiert Goldman. Ein Roman-Ende, das Glenn Gould sicherlich zugesagt hätte.

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