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Sendedatum
Sendezeit
10:05 Uhr
Sender
SWR2

Die russischstämmige Schriftstellerin Daria Wilke hat ihren ersten deutschsprachigen Roman nach der Hyazinthe benannt. Allerdings geht es darin nicht um Botanik, sondern um Musik – und zwar um solche, die genauso betörend ist wie der Duft der Blume. Desirée Löffler war neugierig und hat „Die Hyazinthenstimme“ gelesen.

Der Zauber beginnt mit dem ersten Klang. Seine Stimme wächst aus dem Nichts heraus – wie ein sanftes Flüstern, wie ein Meeresrauschen bei Sonnenaufgang. Sündig und unschuldig, sie trauert und ist voller Freude und da ist noch etwas, was ein sterblicher Mensch sicher nicht kennen kann, sie bringt Glück und mich überkommt so ein gewaltiger Seligkeitskrampf, dass es fast wehtut.“

Stimmen wie diese umgeben den jungen Matteo Tag und Nacht – und doch kann er sich ihrer Macht nicht entziehen. Weder, wenn er sie wie in dieser Szene auf seiner Stereoanlage hört, noch, wenn er selber singt. Matteo lebt in der Steiermark, in einem Schloss, das die Zeit vergessen hat, abgeschnitten von der Welt. Wie fast alle Bewohner des Schlosses Settecento ist er Sänger – und wie sie ist er kastriert. Unangefochtener Herrscher über diese Welt ist der enigmatische „Zar“.

Die Tür, die in sein Zimmer führt, ist einen Spaltbreit offen – so ist es immer, wenn er jemanden erwartet. Der Zar hört dich sogar, wenn die Musik überall tobt – wie er das macht, weiß ich nicht. Je näher ich der Tür komme, desto mächtiger wird die Musik – er dreht sie lauter und lauter, um dir zu zeigen: Ich weiß, dass du da bist, das ist für ihn so eine Art Begrüßung.“

Die Welt, die der Zar sich im Schloss erschaffen hat, ist eine Mischung aus Museum und barockem Konservatorium: prächtig, exzentrisch und immerzu erfüllt von Schönklang. Gefangen hält der Zar seine jungen Sänger dort nicht, und er zwingt auch keinen von ihnen zur Kastration. Aber ganz frei entscheiden können die Kinder auch nicht: Kaum treffen sie als zehn- oder elfjährige im Schloss ein, freigekauft von armen, häufig osteuropäischen Eltern, wird ihre Stimme zum einzigen was zählt, zum Alpha und Omega ihres Daseins. Und die Sorge, dass genau die ihnen ohne Operation eines Tages abhanden kommen wird, ist allgegenwärtig.

Das Rätsel der Stimme, die weglaufen kann, ließ Timo nicht mehr los. Er ging in die Schlosskapelle, stellte sich in die Mitte unter die hohe, bemalte Kuppel, schaute hinauf zu den weißen Opferlämmern und geflügelten Stieren und sang. Die Stimme war noch nicht so mächtig wie die Matteos, aber sie könnte einmal so werden, hatten man ihm gesagt. Er lauschte seiner eigenen Stimme und überlegte, wie es wäre, wenn sie ihm wegliefe.“

Freier Wille gegen die Macht der Lebensumstände: Das ist das Spannungsverhältnis, das Daria Wilke in „Die Hyazinthenstimme“ am intensivsten auslotet. Den Barock und die Geschichte der großen Kastraten des 18. Jahrhunderts nutzt die Autorin dabei als Folie: Denn Farinelli und Caffarelli, Senesino oder Porporino hatten anders als die Schlossbewohner keine Wahl: Sie wurden in einer lebensgefährlichen Operation kastriert, zu der sie häufig gezwungen wurden. Und doch haben zumindest die großen Stars freier gelebt: Während sich die Sänger des Zaren im Schloss verstecken müssen und nur ganz selten in geheimen Privatvorstellungen singen dürfen, wurden die großen Kastraten des Barock umjubelt und umschwärmt.

Der Geist des Barock

Immer wieder baut Daria Wilke Details über die Oper des Barock und das Leben der Kastraten in ihren Roman ein. Gleichzeitig spiegeln sich die Vorlieben des 18. Jahrhunderts stilistisch darin: sowohl in den markanten Charakteren und großen Emotionen, als auch sprachlich. Der Geist des Barock mit seinem üppigen, überbordenden Stil findet sich bei Daria Wilke in Wiederholungen, ausufernden Beschreibungen und einfallsreichen Bildern. Dadurch wird die „Die Hyazinthenstimme“ zu einem ganz eigenen Kosmos, der den Leser nach wenigen Sätzen gefangen nimmt. Auf der anderen Seite ist die Tendenz, alles mehrfach zu sagen, gelegentlich ermüdend, und das ein oder andere Bild wirkt etwas gewollt.

„Das Leben im Hause Seetecento war wie ein löchriger Fetzen. Zeit und Raum fielen wild auseinander, von einer unbekannten Hand zerrissen. Das Leben war ein verfallender barocker Goblin – an manchen Stellen gab es atemberaubende Stickereien, die ein abenteuerliches Sujet erahnen ließen, aber an den anderen ging alles plötzlich auseinander, der marode Stoff faserte aus und verschwand.“

Ein Roman, der den Leser aus der Zeit zerrt

Ein etwas strengeres Lektorat hätte Daria Wilkes „Hyazinthenstimme“ also durchaus gut getan, zumal gerade in der ersten Hälfte des Romans gelegentlich der Spannungsbogen etwas durchhängt. Andererseits war Daria Wilkes Lektorin vielleicht deshalb besonders vorsichtig, weil „Die Hyazinthenstimme“ so eigen ist: Ein Roman, der den Leser aus der Zeit zerrt, der zwischen zwei Welten schwebt, ohne dabei die Balance zu verlieren, dem es gelingt, gleichzeitig Abscheu für die Praxis der Kastration und Sehnsucht nach den Stimmen der Kastraten zu wecken. Und vielleicht wäre es auch absurd gewesen, einen Text auseinander zu nehmen, der sich fragt, welchen Preis Perfektion eigentlich haben darf und die Freiheit des Individuums feiert. So mag „Die Hyazinthenstimme“ vielleicht handwerklich kein perfekter Roman sein – dafür ist Daria Wilkes deutschsprachiges Debut originell und faszinierend – und macht ungeheuer Lust auf die Klänge des Barock.

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