Literatur

Atemberaubend gut geschrieben: Der neue Roman „Crossroads“ von Jonathan Franzen

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Tobias Wenzel

Jonathan Franzens „Crossroads“ ist ein atemberaubend gut geschriebener Familienroman über Moral, Religion und Vergebung.

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„Ich bin umarmt worden und ich habe andere umarmt.“ Jonathan Franzen erinnert sich daran, wie er als Nerd in der Jugendgruppe einer christlichen Gemeinde im Mittleren Westen der USA besonders die Nähe von Mädchen genoss.

Der verheiratete Pastor Russ Hildebrandt steckt in einer Midlife-Crisis - und verliebt sich prompt in eine junge Frau

„Crossroads“ heißt eine ähnliche Jugendgruppe in Franzens neuen Roman über die Familie eines Pastors in einem fiktiven Vorort von Chicago in den frühen 70ern. Russ Hildebrandt, Pastor einer protestantischen Gemeinde, hat keinen Draht mehr zu den Jugendlichen und leidet darunter, dass der Leiter von „Crossroads“, der eine Art Gruppentherapie macht, wie ein Magnet neue Mitglieder anzieht.

Das verstärkt nur noch Russ Hildebrandts Midlife-Crisis. Und so verliebt sich der verheiratete Vater von vier Kindern in eine deutlich jüngere Frau der Gemeinde und bekämpft ihre rassistischen Vorurteile mit Blues-Musik.

Jonathan Franzen: „ Meiner Mutter hätte dieses Buch vermutlich gefallen“

Franzen erzählt das alles, ohne über seine Figuren zu urteilen. Jonathan Franzen: „Es ist wohl mein erster Roman, in dem ich der Versuchung widerstanden habe, mich über meine Romanfiguren lustig zu machen. Dieser Roman ist behutsamer als alle meine anderen Bücher. Meiner Mutter hätte dieses Buch vermutlich gefallen, selbst wenn ihr keines meiner anderen gefallen hätte.“

Ein Roman, in dem der Autor nur freundlich zu seinen Figuren ist, ein Buch über eine Pastorenfamilie, deren Mitglieder gute Menschen sein möchten und die andere und sich selbst korrigieren, wenn etwas nicht politisch Korrektes gesagt wird – solch ein Buch ist sicher todlangweilig, denkt man. Und dann verschlingt man die mehr als 800 Seiten und ist fasziniert von Franzens Erzählkunst und berührt von dieser Geschichte.

Alle Familienmitglieder stehen an einem Scheideweg: „at the crossroads“

Von Marion, der Frau des Pastors, die ihr schweres Trauma für sich behält. Oder von ihrem Sohn Clem, der sein Studium abbricht, um als Soldat im Vietnamkrieg zu kämpfen und damit seine pazifistische Familie vor den Kopf stößt. Alle Familienmitglieder stehen an einem Scheideweg, auf englisch: „at the crossroads“.

In einer amüsanten Szene dieses meisterhaft komponierten Romans müssen sich zwei Hildebrandt-Kinder, Becky und ihr hochbegabter Bruder Perry, die nichts miteinander anfangen können, in der Jugendgruppe Crossroads zu zweit aussprechen. Das tun sie in einer begehbaren Garderobe. Das Ergebnis dieser Aussprache: Perry möchte danach ein „weniger schlechter Mensch“ werden.

Fragt sich, ob dieser Ort der Aussprache nicht auch etwas wäre für die gespaltene amerikanische Gesellschaft, für Republikaner und Demokraten oder Rassisten und linke Woke-Aktivisten. Jonathan Franzen: „Einige gemeinnützige Einrichtungen, habe ich gehört, versuchen gerade so etwas. Ich glaube zwar nicht, dass man das mit so vielen Menschen machen könnte, dass es die Welt tatsächlich verändern würde. Aber ja, ich denke, wenn jemand mit einer anderen Person 24 Stunden lang in einer begehbaren Garderobe eingesperrt wird, dann bringen sich die beiden entweder um oder verstehen sich letztlich besser.“

lesenswert Quartett mit Denis Scheck Jonathan Franzen: Crossroads

Jonathan Franzen, geboren 1959, schrieb mit „Die Korrekturen“ einen Weltbestseller. Ijoma Mangold stellt seinen neuen Familienroman „Crossroads“ vor. Der Band ist der Auftakt einer Trilogie über drei Generationen einer Familie aus dem Mittleren Westen, die von den früher 1970er Jahren bis in die Gegenwart reicht: "Ein Schlüssel zu allen Mythologien".  mehr...

Buchkritik Jonathan Franzen – Crossroads

Eine kirchliche Jugendgruppe Anfang der 70er Jahre in Chicago. In den Gruppenstunden müssen alle ihr Innerstes nach außen kehren. Selbsterkundung statt Beichte. Erzählanlässe gibt es zuhauf: Sex, Drogen, Diebstahl. Was hat das mit (dem Ursprung aller?) Religion zu tun? Denn darum geht es in „Crossroads“, dem neuen Roman von Jonathan Franzen. Bekannt wurde er mit „Die Korrekturen“. Auch sein neuer Roman ist Familienroman, Pageturner und garantiert ein Bestseller in den nächsten Monaten. | Rezension von Alexander Wasner | Aus dem Englischen von Bettina Abarbanell | Rowohlt Verlag, 826 Seiten, 28 Euro | ISBN 978-3-498-02008-8  mehr...

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