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Nachdem die Tage der deutschsprachigen Literatur - wie das Bachmann-Wettlesen im österreichischen Klagenfurt offiziell genannt wird - am vergangenen Mittwoch mit einer sehr kämpferischen Rede gegen rechtsradikale Gesinnungen von Schriftsteller Feridun Zaimoglu begonnen hatte, wurden in der Fernseharena des Österreichischen Rundfunks in aller Ruhe die Preise in der Höhe von insgesamt 62.500 Euro verliehen. Allein diese Summe verdeutlicht die Bedeutung des Wettbewerbs. In diesem Jahr ging der Hauptpreis, der mit 25.000 Euro dotierte Ingeborg-Bachmann-Preis an Tanja Maljartschuk für ihren Text „Frösche im Meer“.

„Endlich Literatur!“

Kaum hatte die aus der Ukraine stammende und heute in Wien lebende Schriftstellerin Tanja Maljartschuk ihre Geschichte „Frösche im Meer“ vorgetragen, die von der eigenwilligen Beziehung einer demenzkranken Frau und ihrem jungen Freund erzählt, der zwar keinen Pass mehr in der Tasche hat, dafür aber das Herz an der richtigen Stelle trägt, jubelte das neue Jury-Mitglied Nora Gomringer: „Endlich Literatur!“

Das war natürlich Unfug, denn zuvor hatte das Publikum auch schon interessante Beiträge gehört, die aber mehr auf Sprachexperiment und Montage verschiedener Zeit- und Erzählebenen setzten. Die frisch gekürte Bachmannpreisträgerin hat tatsächlich eine klassisch, man könnte fast sagen: konventionell erzählte Geschichte vorgelegt. Doch weil der Plot um die zwei einsamen Charaktere lakonisch und humorvoll ausformuliert war, ließ sich die Jury begeistern. Ganz nebenbei: auch das im Fernsehstudio anwesende Publikum.

Bestseller-Autor Bov Bjerg wusste zu überraschen

Durchaus zu überzeugen wusste auch der zweite Sieger des Wettbewerbs, nämlich Bov Bjerg, der als Bestsellerautor anreiste, und damit überraschte, keinen launigen Lesebühnentext vorzutragen, wie man nach seinem Erfolgsroman „Auerhaus“ vielleicht vermutet hätte, sondern eine berührende Vater-Sohn-Geschichte, die in der schwäbischen Provinz spielt.

Bjerg, der als Ralf Böttcher in Heiningen im Landkreis Göppingen geboren wurde, kennt sich gut aus in Orten, die Laichingen oder Galgenbuckel heißen. Tatsächlich handelt seine Geschichte von einem taumelnden Helden, der nicht weiß, ob er seinem Sohn erzählen soll, dass sich Urgroßvater, Großvater und Vater umgebracht haben. Ein Text, der mit Sicherheit auch für den Hauptpreis gut gewesen wäre.

Publikumspreis für die große Entdeckung des Wettbewerbs

Geschichten vom Sterben wurden ohnehin viele erzählt in Klagenfurt. Bei der jungen, aber resoluten Österreicherin Raphaela Edelbauer geht es gleich zu Beginn des Wettbewerbs in ein Bergwerk, das verfüllt werden soll, um den Einsturz eines Alpendorfes zu verhindern und um ein riesiges Erinnerungsloch zuzuschütten. Die schweigenden Dörfler wollen sich nämlich nicht länger an ein grauenhaftes Verbrechen erinnern, das an diesem Ort begangen wurde.

Edelbauer erhielt den Publikumspreis, nachdem sie auch bei den Abstimmungen aller anderen Preise im Rennen war. Ihr Text ist die wahre Entdeckung des Wettlesens, und wahrscheinlich sollte die 28-jährige Österreicherin in ein paar Jahren noch mal antreten, um dann den Hauptpreis abzuräumen.

Auch Stephan Lohse, Schauspieler und spätberufener Schriftsteller, betrieb mit seinem Text literarische Erinnerungsarbeit, indem er zwei jugendliche Kiffer in der suburbanen Wildnis über die Ermordung eines Freiheitskämpfers im okkupierten Kongo palavern lässt. Ein Beitrag, der in Klagenfurt zwar leer ausging, aber mit Sicherheit in Romanform noch weitere Aufmerksamkeit erhalten wird.

Ein starker Jahrgang mit vielfältigen literarischen Ansätzen

Die türkischstämmige und zwischen Solingen und Leipzig pendelnde Özlem Özgül Dündar gewann den mit 10.000 Euro dotierten Kelag-Preis mit einer rasanten Wehklage in mehreren Stimmen, gesetzt ohne Punkt und Komma, überschrieben mit „und ich brenne“. Mütter kämpfen darin um ihre Kinder und gegen das Feuer des Rassismus. Eine sehr welthaltige Prosa, wie Kritiker zu sagen pflegen, die aber in ihrer sprachlichen Dringlichkeit herausstach.

Wer die inhaltlichen Verbindungslinien der Preisträgertexte beschreibt, darf allerdings nicht übersehen, wie unterschiedlich die vorgetragenen poetischen Welten tatsächlich waren, die in Klagenfurt vorgestellt wurden. Nicht nur die elegische Trauergeschichte „Warten auf Ava“ von Anna Stern, auch die popliterarischen Exerzitien von Joshua Groß in „Flexen in Miami“, die Austria-Dekonstruktion von Stephan Groetzner, selbst die provokante und dann doch in der Ausformulierung missglückte Geschichte einer Erotomanin von Corinna Sievers zeigten in diesem sehr starken Bachmann-Jahrgang, dass es derzeit keinen literarischen Mainstream, sondern vielmehr sehr divergierende Ansätze in der jungen und jung gebliebenen deutschsprachigen Literatur gibt.

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