Der US-Schriftsteller Arthur Miller (Archivfoto Sept. 1991) (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa - Foto: EPA/CLAUDIO ONORATI)

SWR2 Wissen Arthur Miller - 100. Geburtstag

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Kritiker des American Way of Life

Arthur Asher Miller wurde am 17. Oktober 1915 in New York geboren. Er starb, fast neunzigjährig, am 10. Februar 2005. Viele seiner Stücke wurden verfilmt. Seine Ehe mit Marilyn Monroe ging durch die Klatschspalten. Mitte der 1950er Jahre stand er auf Hollywoods Schwarzer Liste, weil er sich geweigert hatte, ehemalige kommunistische Freunde und Bekannte zu denunzieren. Miller schrieb für Radio, Bühne und Film, verfasste aber auch Romane und Kurzgeschichten. Der Durchbruch als Dramatiker gelang ihm 1949 mit dem Stück "Tod eines Handlungsreisenden". Die Geschichte um den erfolglosen Vertreter Willy Loman reflektiert ein zeitloses Thema, das Millers eigenes Leben prägte: Der Kampf des Einzelnen gegen das Scheitern.

Dauer

Arthur Millers Vater war als Kind in die USA ausgewandert. Er stammte aus Radomysl, einem Marktflecken im polnischen Galizien, das damals zu Österreich-Ungarn gehörte. In New York hatte er eine florierende Mantelfabrik mit mehreren hundert Mitarbeitern aufgebaut. Arthur wuchs im Wohlstand auf, bis der Börsenkrach von 1929 und die darauf folgende Weltwirtschaftskrise die Aktienpakete des Vaters wertlos machten und seinen Textil-Betrieb in die Insolvenz trieben.

Das Fahrrad für zwölf Dollar am nächsten Tag geklaut

Miller Junior selbst hatte schnell noch sein Erspartes, 12 Dollar, von der Bank abgehoben und sich ein Fahrrad gekauft. Einen Tag später war die Bank geschlossen, und sein Fahrrad gestohlen. Arthur, der noch zur Schule ging, nahm nun alle möglichen Jobs an. Er wollte nicht nur zum Familieneinkommen beitragen, sondern auch für ein Studium sparen. Der Schock der Weltwirtschaftskrise hat Miller nachhaltig geprägt. In dieser Zeit kam er zum ersten Mal mit den Ideen des Marxismus in Berührung, wie er in seiner Autobiographie "Zeitkurven" schreibt.

Miller über die Faszination am Kommunismus in seiner Jugend:

Spuren der Weltwirtschaftskrise

Anfang der 1930er Jahre, Miller war gerade siebzehn, schrieb er die Geschichte eines vom Leben enttäuschten jüdischen Handelsreisenden in sein Notizbuch. Dieses Heft fiel ihm später bei einem Umzug wieder in die Hände. Als Student schrieb er die Geschichte um und nutzte dafür die Technik des Stream of Consciousness, des Bewusstseinsstroms, einer Erzähltechnik, die in scheinbar ungeordneter Folge Bewusstseinsinhalte einer oder mehrerer Figuren wiedergibt. In dieser Version wirft sich der ausgebrannte Handels-Vertreter am Schluss vor einen U-Bahn-Zug. Das Theaterstück, das Miller schließlich daraus machte, gab dem Stoff die Form, in der das Drama bis heute aufgeführt wird. Gründe, es auf die Bühne zu bringen, gibt es auch heute noch mehr als genug.

Schreiben über das Scheitern:

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Arthur Miller und Marilyn Monroe lächeln in die Kamera (Foto: picture-alliance/ dpa/dpaweb  -)
Das Ehepaar Miller-Monroe in besseren Zeiten am 11.11.1960 picture-alliance/ dpa/dpaweb -

Das Stück seines Lebens: "Tod eines Handlungsreisenden"

Es ist das Meisterwerk des Autors Arthur Miller. Die Geschichte um den Vertreter Willy Loman wurde 1949 in New York uraufgeführt und bekam im selben Jahr den Pulitzer-Preis für Drama. Neben der Kritik am "Amerikanischen Traum" geht es in Arthur Millers "Tod eines Handlungsreisenden" um einen Vater-Sohn-Konflikt, ums Altern, die Vergänglichkeit – und ums Scheitern.

Das Drama reflektiert einen amerikanischen Alptraum:

Kritiker des American Way of Life

Miller machte sich als sensibler Beobachter und Kritiker des American Way of Life einen Namen. Er zeigt am Beispiel des Willy Loman, wie ökonomischer Druck zu falschem positiven Denken führen kann. Loman meldet von seinen Vertreterreisen Verkaufserfolge, obwohl die Geschäfte immer schlechter gehen. Im Laufe des Stücks wird immer deutlicher, wie solch ein zwanghafter Zweckoptimismus, wie ihn der Handelsvertreter Loman betreibt, in letzter Konsequenz Lebenslügen hervorbringt, die irgendwann aufbrechen und dann nicht nur den Einzelnen zerstören, sondern ganze Familien zertrümmern. Millers Werk mahnt bis heute deutlich an, dass wirtschaftlicher Erfolg und Berufsarbeit nicht der einzige Maßstab für den Wert eines Menschen sein können.

Mechanismen der Macht in Millers Fokus

Arthur Miller hat sich in seinen Texten immer wieder mit den Mechanismen der Macht und der Unterdrückung beschäftigt, und mit dem Entfaltungsspielraum des Einzelnen in der Gemeinschaft – ob Familie, Nachbarschaft oder Staat. "Die Depression [, die Weltwirtschaftskrise,] war nur am Rande eine Sache des Geldes. Im Grunde war sie eine moralische Katastrophe, eine gewaltsame Entschleierung der Scheinheiligkeiten hinter der Fassade der amerikanischen Gesellschaft." Arthur Miller

Der US-Schriftsteller Arthur Miller (Archivfoto Okt.2002) (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa - Foto: Morante +++(c) dpa - Bildfunk+++)
Der US-Schriftsteller Arthur Miller (Archivfoto Okt.2002) picture-alliance / dpa - Foto: Morante +++(c) dpa - Bildfunk+++

Aktuell bis über den Tod hinaus

Miller bringt menschliche und gesellschaftliche Grundprobleme auf die Bühne und stellt die Situation eines Einzelnen so dar, dass sie zum Typischen wird – für eine Gesellschaft, aber auch für die Menschheit im Allgemeinen. Dass ihm dies ohne Verflachung gelingt – darin besteht bis heute die Meisterschaft des Arthur Miller. Und seine Aktualität: In einem Interview für die BBC bekannte sich Miller kurz vor seinem Tod als Atheist. Religionen, so bemerkte der knapp Neunzigjährige damals geradezu hellsichtig, würden wieder eine fanatisierende Rolle spielen und er prognostizierte, dass in Zukunft nicht Patriotismus, sondern religiöser Fundamentalismus zu Kriegen führen werde.

In seiner Biographie "Zeitkurven" schreibt Miller: "Amerikas uneingestandene Religion war die Selbstzerstörung – sowohl politisch als auch persönlich. In meinen Augen war die amerikanische Kultur, die freier war als jede andere, eine Kultur des Leugnens."

Arthur Miller starb am 10. Februar 2005 in Roxbury, im US-Bundesstaat Connecticut.

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