Buchkritik

Arnon Grünberg – Besetzte Gebiete

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Der Amsterdamer Psychiater Otto Kadoke hat nach einem MeToo-Skandal seinen Job verloren. Heimatlos geworden zieht er zu seiner radikalzionistischen Geliebten Anat ins Westjordanland. Mit „Besetzte Gebiete“ erzählt Arnon Grünberg seinen Roman „Muttermale“ weiter. Realgroteske mit spinozistischem Kern!

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Die „alternative Therapie“ des Psychiaters Otto Kadoke ist doch nicht so erfolgreich

Hauptsache, keiner muss sterben! Das ist Otto Kadokes größter Wunsch. Da ist zunächst einmal sein bettlägeriger Vater, den er mühevoll pflegt und am Leben erhält. Doch auch mit Suizidgefährdeten hat der 42-jährige täglich zu tun. Denn er ist Psychiater an einer Klinik in Amsterdam.

Vor einiger Zeit ist Kadoke in seinem Bemühen, Menschen zu retten, jedoch zu weit gegangen. Er hatte die als austherapiert geltende Michette bei sich zuhause aufgenommen. Dies nannte er für sich eine „alternative Therapie“. Und sie half tatsächlich: Michette kam langsam wieder zu Kräften. Von dieser erfolgreichen Behandlung erzählte der Autor Arnon Grünberg in seinem letzten Roman „Muttermale“.

Kadoke steht als Vergewaltiger da und verliert seine Zulassung als Therapeut

„Besetzte Gebiete“ setzt nun jedoch mit einer mehrseitigen Tirade Michettes ein, in der sie Kadoke in Grund und Boden faucht. Denn die junge Dame soll wieder auf eigenen Füßen stehen. Michette aber hält nichts von Aufmerksamkeitsverlust und holt daher zum Gegenschlag aus:

„Hör doch auf mit deinen Phrasen!“, ruft Michette. „Hörst du mir überhaupt zu? Ich liebe jemand anderen. Er hat über uns geschrieben. Er ist berühmt, vielleicht hast du schon mal was von ihm gelesen, er weiß, was zwischen uns geschehen ist, jedes Detail, und ein paar Dinge, die er nicht wusste, hat er sich vorgestellt, und sie stimmten auch noch, unglaublich, was?“
(Aus: „Besetzte Gebiete“, S. 16)

Michette hat einen Schriftsteller kennengelernt, der ihren Aufenthalt bei Kadoke in eine handfeste Missbrauchsgeschichte umdichtet, in die sich Michette mühelos eindenken kann. Eine Phantasiegeschichte, die jedoch einen medienwirksamen MeToo-Skandal auslöst, in dessen Folge Kadoke seine Zulassung als Therapeut verliert und als jüdischer Vergewaltiger beschimpft wird. Seine Existenz liegt in Trümmern.

Arnon Grünbergs grotesker Witze zündet erst in der zweiten Hälfte des Roman so richtig

Doch dann: unverhoffte und auch ein wenig suprarealistische Wendung des Schicksals! Eine weitentfernte Cousine kommt zu Besuch. Sie heißt Anat und lebt in einer fundamentalzionistischen Siedlung im Westjordanland.

Auf der Suche nach Zuneigung und einem neuen Leben folgt ihr Kadoke in die „Besetzten Gebiete“. Dort spielt die zweite Hälfte des Romans, und dort entfaltet sich viel stärker als zu Beginn der groteske Witz, für den Arnon Grünberg so berühmt ist. Denn die Siedlung ist voller Fanatiker. Und Fanatiker lassen sich gut parodieren. Auch Anats Mutter gehört dazu, die fettdurchtränkte Eintöpfe serviert und nachts Traumbotschaften von ihrem Rabbi erhält.

„Schon jetzt flößt Anats Mutter Kadoke große, geradezu existenzielle Angst ein, und er erkennt, dass das Hindernis auf dem Weg zu Anats Liebe nicht der Ewige ist und auch nicht der Zionismus, sondern ihre Mutter. Auch Vater ist erschrocken. Er verstummt, schaut starr geradeaus, zittert ein wenig, wie ein Hund bei einem Feuerwerk.“
(Aus: „Besetzte Gebiete“, S. 166)

Die strickende Mutter schaut der Tochter beim Sex zu und gibt Anweisungen

Wer Frauen kennt, wie Arnon Grünberg sie erfindet, braucht keine Feinde mehr: die rachsüchtige Michette, die grobschlächtige Altenpflegerin des Vaters oder die lieblose Anat. Am furchteinflößendsten aber ist Anats übergriffige Mutter, die sogar beim Sex zuschauen will, um zu prüfen, ob der Zugezogene auch in der Lage ist, viele kleine Judenkinder zu zeugen, auf dass die Siedlung kräftig wachse. Was zu einer der absurdesten Sexszenen führt, die wohl jemals erdacht wurden: mit strickender Mutter dabei, die Kommentare und Anweisungen gibt.

Die Männer dieses Romans sind meist zu gutmütig, um sich effektiv gegen die Monsterfrauen zu wehren. Der Mann als besetztes Gebiet. Denkwürdig aber ist, wie integer der stille Kadoke stets bleibt. Selbst als er von den fortpflanzungsfixierten Siedlern als das Wunder gefeiert wird, das der alleinstehenden Anat doch noch zu Kindern verhilft.

„Natürlich weiß ich“, fährt Kadoke fort, „dass wir alle das sind, was die anderen in uns sehen wollen. Ich kann euch also nicht verbieten, in mir ein Wunder zu sehen, ich bin es zwar nicht, aber wenn ihr das unbedingt wollt, ist es nicht an mir, dauernd zu rufen: Ich bin keins, ich bin kein! Ihr müsst aber auf jeden Fall wissen, so flexibel ich sonst auch immer gern sein will, dass ich kein Wunder mit Kippa bin, höchstens eins ohne. Ich glaube nicht an euren Ewigen, ich habe nichts gegen ihn, ich kann aber nicht an ihn glauben, sosehr ich das manchmal auch bedaure.“
(Aus: „Besetzte Gebiete“, S. 240)

Antiheld Kadoke ist meist zu müde zum Lesen: typisch Grünbergscher Witz

Die helle Stimme der Vernunft, die in diesem Roman immer wieder von krawalligen Kollektiven niedergemacht wird: von Medienmeute und Shitstorm in Amsterdam genauso wie vom Siedlerkollektiv in der Westbank. Das erinnert an den Autor, den Kadoke zuhause in Amsterdam gerne las: Spinoza.

Dass wir Antiheld Kadoke meist zu müde zum Lesen erleben, ist typisch Grünbergscher Witz. Doch ist die Lektüreauswahl kein Zufall: Wie Spinoza wird auch Kadoke aus allen Gemeinschaften ausgestoßen, am Ende sogar aus der jüdischen. Zugleich verkörpert der etwas farblose, im Grunde aber sehr empathische Mann die Sehnsucht nach der Verbindung, die Spinoza in der Substanz allen Seins sah.

So nah war Arnon Grünberg seinem literarischen Lebensthema noch nie

Ausschluss – ein großes Thema in diesem Roman voller Grenzziehungen – betreibt nur der Mensch. So ist Arnon Grünberg mit „Besetzte Gebiete“ trotz aller Abstrusität ein ergreifender Roman gelungen. Manchmal vielleicht etwas redundant, doch sehr viel konziser als frühere Romane.

Niemand soll ausgesondert werden, denn Aussonderung bedeutet den Tod. So nah war Arnon Grünberg, dessen Eltern den Holocaust überlebten, seinem literarischen Lebensthema noch nie.

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