SWR2 Buch der Woche am 18.5.2015 Annemarie Weber: Roter Winter

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Mit einem Nachwort von Erhard Schütz

Annemarie Weber erzählt von den 60er Jahren zur Zeit der Studentenrevolte in West-Berlin. Klar und unmittelbar, humorvoll und ironisch-distanziert beschreibt sie die tragischen Ereignisse. Von der Kritik wurde Roter Winter 1969 kaum beachtet. Vielleicht erschien der Roman zu früh, weil die tragischen Ereignisse noch zu nahe waren. Jetzt wieder aufgelegt, liest sich das Buch wie es gemeint war: als Spiegel einer einmaligen Zeit Berlins.

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West-Berlin, Ende der 1960er Jahre. Frau Abelssen verwaltet Wohnungen, ihr Mann wirbt für modische Stoffe. Man wohnt in einem guten Viertel, geht zu schicken Empfängen, und doch passt man nicht so recht in diese Gesellschaft, oder will es einfach nicht. Frau Abelssen hat zwei Söhne, die ihre Väter nicht kennen, und ihr Verlangen nach immer neuen männlichen Bekanntschaften hat sich trotz der Ehe mit Herrn Abelssen, den sie innig liebt, nur mäßig gelegt. Herr Abelssen weiß um die Gelüste seiner Frau, sie geht offen damit um, und immer wieder spielen die beiden ein Spiel, vordergründig mit Karten und um Geld, in Wirklichkeit mit ihrer Ehe und um die Zukunft. Grausame Visionen erzählen sie sich am Kartentisch bei viel Alkohol, wie der jeweils andere alt, einsam und verlassen enden wird, und erst im Morgengrauen legen sie sich, nicht selten verstört und unter Tränen, in ihre Betten.

Jahrelang geht es nun schon gut mit den Abelssens, sie fehlen auf keiner Party des West-Berliner Establishments, und dann lernt Frau Abelssen den linken Aktivisten Losch kennen, der sie beleidigt und grob behandelt. Das gefällt ihr, sofort steht sie in Flammen, geht mit ihm in Kneipen im Wedding, in denen die Revolution geplant wird, wo sich radikale Linke darüber verständigen, wie der Kommunismus Einzug halten soll. West-Berlin, die Insel, in der Hand rechter Fabrikanten, ehemaliger Nazis und kapitalistisch agierender Spießbürger. West-Berlin, für einige eigentlich Provinz, belebt durch den nicht abreißenden Zuzug junger, langhaariger Menschen aus Westdeutschland. Und Losch, der Anführer einer radikalen Gruppierung, die sich in ihren Zielen mehr als uneins ist, wird für einen kurzen Moment zur Berühmtheit, nachdem er von fünf Altnazis krankenhausreif geschlagen worden ist.

Die Autorin Annemarie Weber auf einem Foto von 1966 (Foto: AvivA Verlag -)
Die Autorin Annemarie Weber (1966) AvivA Verlag -

Annemarie Weber erzählt die Geschichte dicht an der Perspektive ihrer Protagonistin Lili Abelssen, die zwischen den Demos der Außerparlamentarischen Opposition und Modenschauen, zwischen dem geliebten, perfekten Ehemann und mittellosen, unattraktiven Möchtegernrevoluzzern hin- und hergerissen ist. Solange Losch ihr sagt, er hasse sie, brennt sie für ihn. Kaum folgen Liebesschwüre, langweilt sie sich. In den peinlichsten Situationen ist ihr schmerzhaft bewusst, wie sehr sie sich gerade erniedrigt, und doch kann sie nicht anders. Dass sie mit ihrem Mann im Taxi zur Demo fährt, um danach noch schick Essen zu gehen, dass sie sich beim Marsch auf das Springer-Gebäude lieber einen Streifschuss einhandeln als einen Schuh verlieren möchte, dass sie sorgfältig die Garderobe für die Kundgebung auswählt – Lili Abelssen reflektiert ihren Spagat minutiös. Was für ein Leben wir führen, sagt sie zu ihrem Mann, und ermahnt ihn, sie dürften nicht wieder kiffend mit den linken Studenten versumpfen, weil sie früh zur Modenschau rausmüssen.

Weber schrieb den Roman "Roter Winter" zur Zeit der Studentenrevolte. Er erschien 1969, als die Ereignisse noch frisch waren, hochaktuell, und vielleicht wurde gerade deshalb dieses Buch von der Kritik damals kaum gewürdigt, während der Vorgängerroman "Westend", der um 1945 spielt, noch begeistert aufgenommen worden war. Manchmal sind Geschichten wohl einfach zu nah an etwas dran. Das Leben der, wie es immer wieder heißt, "liberalen Scheißer" – viel zu große Spießer für die einen, viel zu liberal für die anderen – erweist sich als harte Gradwanderung. Ihre bürgerlichen Werte lassen sich mit den Forderungen der Wunsch-Kommunisten nach Gleichheit und Konformität nicht vereinen, die Abelssens wissen schließlich: "Massenglück ist nicht Menschenglück", und doch werden sie mitgerissen von der Bewegung, der Unzufriedenheit, die West-Berlin zum Kochen bringt.

"Roter Winter" zeigt so klar, so unmittelbar das West-Berlin Ende der 60er Jahre, ist dabei humorvoll in den Details, besonders in den Dialogen, und geht ironisch-distanziert die tragischen Umstände an, in denen sich Lili Abelssen, ihre Kreise, ganz West-Berlin, ja ganz Westdeutschland befinden. Die Autorin Annemarie Weber konnte zu der Zeit nicht wissen, wie es weitergehen würde. Sie wusste nicht, dass sie den Höhepunkt einer Bewegung, durch ihre parallel zu den tatsächlichen Ereignissen verlaufenden Geschichte, aufschrieb. "Roter Winter" ist auch die Geschichte einer Ehe mit ihren gewollten, aber kaum möglichen Freiheiten und unerträglichen Kompromissen, ein Spiegel nicht nur der Zeit, sondern insbesondere der Stadt und ihrer einmaligen Situation.

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