Anna Katharina Hahn beginnt als Mainzer Stadtschreiberin 2018 Diese Stadtschreiberin weckt Erwartungen

Am 13.3.2018 von Leonie Berger

Anna Katharina Hahn ist die Mainzer Stadtschreiberin 2018. Für die Landeshauptstadt eine kleine Verheißung. Denn bei ihrer Antrittsvorlesung hebt die Schriftstellerin hervor, dass die Schilderung von Orten für ihre Romane besondere Bedeutung besitzt.

Hahn trägt das Kleid aus ihrem eigenen Roman

Anna Katharina Hahn trägt ein dezent elegantes, hellblaues Kleid mit einem weiten Rock und einem roten Gürtel. Es steht ihr hervorragend, doch das ist wohl nicht der einzige Grund, weshalb sie dieses Kleid trägt: Dieses Kleid ist ihre stoffgewordene, ureigene Erfindung, das ihrem Roman 'Das Kleid meiner Mutter' seinen Namen gab.

Studentinnen der Abschlussklasse der staatlichen Modeschule Stuttgart haben es nach der Romanvorlage für sie geschneidert. "Ich bin wahrscheinlich die einzige Schriftstellerin, die zu ihren Auftritten ein Kleid trägt, das aus ihrem eigenen Buch kommt", sagt Anna Katharina Hahn und lacht.

Das Spiel mit Traum und Wirklichkeit

Im Roman schlüpft die Hauptfigur Anita mit Hilfe des Kleids in die Rolle ihrer Mutter. So gelingt es ihr, nicht nur den Verlust der gerade verstorbenen Eltern einigermaßen zu ertragen, sondern vor allem die Fassade ihres bisherigen Lebens aufrecht zu erhalten.

Und noch mehr: Anita erkundet die Geheimnisse ihrer Eltern und überhaupt geschehen noch einige recht sonderbare Dinge.

Nicht sicher, "ob ich wach bin oder vielleicht nur träume"

Anna Katharina Hahn hat ein Faible für das Surreale. Sie glaube an die Magie von Literatur, und daran, dass sie Welten erschaffen könne, die in der Realität nicht vorkommen.

"Mir geht es oft so, dass ich nicht sicher bin, ob ich wach bin oder vielleicht nur träume", sagt die Schriftstellerin. "Vielleicht ist die Literatur, die ich gelesen habe, stärker als das reale Leben, das um mich herum stattfindet."

Buchcover "Das Kleid meiner Mutter" (Foto: Suhrkamp Verlag - © Jürgen Bauer)
Suhrkamp Verlag - © Jürgen Bauer

Treffsichere, scharfe Beobachtungen

Anna Katharina Hahn schafft nicht nur neue Welten in ihrer Literatur, sie zeigt den Lesern auch sehr genau die alte Welt. Ihre Beobachtungen sind treffend, fast verstörend.

In ihrem ersten Roman "Kürzere Tage" aus dem Jahr 2009 schildert sie das Leben einiger Bewohner in der Konstantinstraße – eine davon ist Judith, die sich selbst in einen Perfektionismus getrieben hat, um ihre Ängste loszuwerden.

Orte sind beinahe wie Personen

Orte und deren Atmosphäre sind sehr wichtig für Anna Katharina Hahn. Für sie seien Orte schon fast handelnde Personen. Sie versuche, die Sache vor dem Auge des Lesers aufstehen zu lassen.

"Auch die Geschichte von Orten, von Häusern, von Wohnungen, von Straßen spielt eine Rolle. Es gibt viele verschiedene Schichten, die eine Atmosphäre ausmachen", erzählt Anna Katharina Hahn.

Geschichtliche Zusammenhänge formen den Ort

Der Mensch sei von seiner Lebensgeschichte geprägt und die geschichtlichen Zusammenhänge formten Orte. An der Art, wie sich ein bestimmtes Viertel anfühle, könne man auch sehr viel über die Menschen, die dort leben, aussagen.

Wenn Orte so wichtig sind für ihr Schreiben, dann ist dieses Stadtschreiberjahr besonders spannend: Anna Katharina Hahn hat nun ein Jahr Zeit, Mainz unter die Lupe zu nehmen. Wer weiß, welche Stadt in ihrem nächsten Roman die Hauptrolle spielen wird.

STAND