Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch wird 70 Der Sowjetmensch und die Liebe

Interview mit der Slawistin Anja Tippner

Die weißrussische Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch feiert am 31. Mai ihren 70. Geburtstag. Die Slawistin Anja Tippner würdigt die Preisträgerin von 2015 als Chronistin der Sowjetunion. Mit ihrer Kritik am Sowjetmenschen stehe Alexijewitsch quer zu den Debatten im heutigen Russland.

Die Sowjetunion ist tot - der "Homo Sowjeticus" lebt

Der "Homo Sowjeticus" sei das einzige, was von der Sowjetunion heute noch übrig sei. Dieser Überzeugung sei die Schriftstellerin bis heute, so die Slawistin Prof. Anja Tippner von der Universität Hamburg.

Die zentrale These der Schriftstellerin sei, so Tippner: "Um das heutige Russland zu verstehen, muss man verstehen, was die Menschen antreibt, die in der Sowjetunion aufgewachsen sind, die die Ideen und das Mindset der Sowjetunion in die Gegenwart gerettet haben."

Liebe als zentrales Humanum

Dabei sei das neue Buch von Alexijewitsch, "Nackte Seelen", positiver gestimmt als die düsteren Erzählungen aus früheren Werken. Es gehe darin stärker auch um die Liebe, die Alexijewitsch als zentrales Humanum verstehe, als Kraft des kleinen Menschen, sich gegen die große Geschichte zu stellen.

Bis heute gibt es keine Biographie über Alexijewitsch. Literaturwissenschaftler täten sich schwer mit dem Werk der Autorin, das im Grenzbereich zur Dokumentation angesiedelt sei. Ihr großes Thema, die Entmythologisierung des Zweiten Weltkriegs, laufe quer zu den heutigen Diskursen in Russland.

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