Literatur

Moralische Panikmache statt echter Bedrohung? Adrian Daub über den „Cancel Culture Transfer“

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Eva Marburg

Der Literaturwissenschaftler Adrian Daub widmet sich in seinem neuen Buch „Cancel Culture Transfer“ der gegenwärtig heftig debattierten, angeblichen Bedrohung der Meinungsfreiheit durch „Cancel Culture“. Darin geht er auf Spurensuche, wie ein amerikanischer Nischendiskurs um Campuskultur es als Bedrohungsszenario in die deutschsprachigen Feuilletons schaffen konnte.

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Wenn ein Vorfall an einer US-Uni zur Bedrohung für die deutsche Debattenkultur wird

„Sprachpolizei“, „Tugendterror“, „Minderheiten-Mob“, „Autoritärer Moralismus“ oder „die derzeit größte Gefahr für unsere Demokratie“. Den besorgten Stimmen um die vermeintlich bedrohte Meinungsfreiheit durch die sogenannte „Cancel Culture“ ist mittlerweile auch im deutschen Diskurs keine Vokabel zu schrill, um vor dem baldigen Untergang des Abendlandes zu warnen. 

Der Diskurs sei einer der „moralischen Panikmache“ und funktioniere durch „Maximalisierung“, stellt Daub fest. Eine Anekdote über einen Vorfall an einer US-Provinz-Uni wird medial entgrenzt und stellt plötzlich eine Bedrohung für die deutsche Debattenkultur dar. Jede*r kennt diese Anekdoten – sie ähneln sich, sind austauschbar.

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Anekdoten fungieren als Beweise für „Cancel Culture“

Mit fundierten Recherchen macht Daub deutlich: Das ist der problematische Stoff, aus dem der Cancel-Culture-Wahn gewebt ist. Er weist anhand vieler Beispiele nach, dass einzig Anekdoten als Beweise dafür herangezogen werden, dass „Cancel Culture“ existiere. Statistiken zu tatsächlich erfolgten Kündigungen oder Abmahnungen belegten eine „Cancel Culture“ zum Beispiel nicht. 

Das Anekdotische aber sei das beste Medium zum Transfer von Angst, so Daub. Er macht die Cancel-Culture-Panik als Teil einer alten Narration aus, in der immer wieder von neuem die Mär vom grassierenden Kulturkampf verbreitet wird. Ein Kulturkampf, in dem die westlich aufgeklärte Mehrheitsgesellschaft ihre Werte von Minderheiten bedroht sehe. Cancel-Culture-Panik ist nach Daub vor allem ein Elitendiskurs, dem die Funktion zukommt, sich seiner Überlegenheit zu vergewissern.  

Ein Elitendiskurs, um sich der eigenen Überlegenheit zu vergewissern

Die Panik sei auch deshalb so anschlussfähig, weil sie lang gehegte reaktionäre Ängste von schädlichen Kulturimporten aus dem Ausland bediene; ein Eindruck, der durch Anglizismen wie „Shitstorm“, „canceln“ oder „woke“, noch verstärkt wird.  

„Die Vorstellung von der ,woken‘ Revolution, die mit einer Umprogrammierung beginnt und der das unschuldige Wirtsland hilflos ausgeliefert ist, zehrt von dieser Imagination.“ 

Ein verzerrter Diskurs

Adrian Daub streitet nicht ab, dass es Fälle von „Cancel Culture“ gibt. Aber er weist auf ein krasses Missverhältnis zwischen der imaginierten Gefahr und den eigentlichen Tatsachen hin. Im Cancel-Culture-Diskurs sprechen nur diejenigen, die das Phänomen anprangern und damit kontinuierlich verzerren. 

Die Tatsache, dass diejenigen, die die Meinungsfreiheit bedroht sehen, auch die sind, denen die meiste mediale Aufmerksamkeit zuteil wird, ist mittlerweile eine Binsenweisheit. Doch in dieser Ungleichverteilung von Aufmerksamkeit sieht Daub das eigentliche gesellschaftliche Ablenkungsmanöver: Wir sprechen über „Cancel Culture“, damit wir über andere Dinge nicht mehr sprechen müssen. Weil angeblich Minderheiten die Mehrheitsgesellschaft mit ihren überzogenen Ansprüchen bedrohen und den Zusammenhalt gefährden, geraten Themen wie soziale Gerechtigkeit und der Schutz allen Lebens ins Hintertreffen.

Das Buch „Cancel-Culture Transfer“ von Adrian Daub liefert die dringende Entzauberung eines Wahns – eine Panik, die nicht von Twitter-Mobs ausgeht, sondern die sich die Mehrheitsgesellschaft eher selbst erzählt. Ein wichtiges, kluges und endlich gründlich analytisches Buch zur überdrehten Debatte.  

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