Literatur

Alice Schwarzer und Chantal Louis warnen in Streitschrift „Transsexualität: Was ist eine Frau? Was ist ein Mann?“ vor Selbstbestimmungsgesetz

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Alice Schwarzer – Deutschlands bekannteste Feministin – und Chantal Louis – Redakteurin bei der Zeitschrift EMMA – platzen mit ihrer Buchveröffentlichung „Transsexualität: Was ist eine Frau? Was ist ein Mann?“ in eine heiße Debatte. Im Sammelband bekennen sich die beiden Herausgeberinnen klar zum biologischen Geschlecht der Frau und möchten gleichzeitig über das Thema Transsexualität aufklären.

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Das Selbstbestimmungs-Gesetz für Transpersonen ist den Autorinnen ein Dorn im Auge

Die kleine, etwas mehr als 200-seitige Streitschrift von Alice Schwarzer und Chantal Louis fällt in Transgender-Debatten-bewegte Zeiten. Erst Anfang des Jahres sorgte der Fall der Grünen Bundestagsabgeordneten und Transfrau Tessa Ganserer für Schlagzeilen.

Schwarzer warf Ganserer vor, einen Frauenquotenplatz im Parlament zu blockieren. Und da werden die Fronten schon sehr schnell deutlich: Auf der einen Seite Feministinnen der ersten Stunde, wie Alice Schwarzer und Chantal Louis, die ihre feministischen Errungenschaften verteidigen und sagen, wie Louis hier: „Die ganze Sexualpolitik, vom sexuellen Missbrauch bis zur Prostitution hat mit den Körpern von Frauen zu tun, Frau sein bedeutet auch Körpererfahrung als Frau und jetzt zu sagen, der Körper spielt bei der Frage nach dem Geschlecht keine Rolle und jeder, der sich als Frau definiert, ist auch Eine, ist einfach falsch.“

Auf der anderen Seite Transmenschen, die für geschlechtliche Selbstbestimmung kämpfen. Übrigens ein Projekt der Ampelkoalition: Geplant ist ein entsprechendes Gesetz, das das alte Transsexuellengesetz ablösen wird. Just dieses neue Selbstbestimmungs-Gesetz ist den beiden Herausgeberinnen ein Dorn im Auge.

Ein klares Bekenntnis zum biologischen Geschlecht

Transsexualität werde zunehmend als Weg gesehen, für die vermeintlich falsche Geschlechterrolle einen passenden Körper zu suchen: „Das würde bedeuten: Das subjektiv empfundene soziale Geschlecht sei quasi angeboren und das biologische Geschlecht müsse ihm angepasst werden. Wie absurd! Das würde voraussetzen, dass die sozialen Geschlechterrollen irreversibel sind. Eine Auffassung, die in diametralem Gegensatz zum Feminismus steht.“

Klares Bekenntnis also zum „kleinen Unterschied“, zum biologischen Geschlecht Frau. Zwar äußern sich Ärzt*innen, Kinder- und Jugendtherapeut*innen, Sozialwissenschaftler*innen und transsexuelle Menschen in separaten Kapiteln des Buches zum Thema Transsexualität. Sie alle sind aber mehr oder weniger gegen die geschlechtliche Selbstbestimmung bzw. haben vermeintlich schlechte Erfahrungen damit bei sich oder ihren Kindern gemacht.

Das Buch liefert mögliche Erklärungen für Geschlechtsdysphorie

Stichwort Kinder und Jugendliche: Hier wittern Schwarzer und Louis besonders große Gefahr: „Noch ist es nicht zu spät. Noch sollten wir auf Aufklärung setzen. Aufklärung über die dramatischen Folgen, die ein solches Selbstbestimmungsgesetz für all diejenigen hätte, vor allem die Minderjährigen unter ihnen, die eben keinen irreversiblen seelischen Konflikt in Bezug auf ihre Geschlechterrealität haben, sondern lediglich eine phasenweise Irritation ihrer Geschlechterrolle.“

Dabei seien von dieser Irritation vor allem Mädchen betroffen. In manchen Schulklassen säßen heute vier bis fünf Mädchen, die von sich behaupten, transsexuell zu sein, zitiert Chantal Louis die Vorsitzende einer Elterninititative: „Das ist was, wo ich als Feministin sage, Mensch, wir müssen doch den Mädchen sagen, Du kannst als Mädchen sein, was Du willst. Dein ganzes Rollenspektrum ausfüllen, wie Du willst, anstatt zu sagen, auh, Du bist aber nen bisschen maskulin, dann geh mal zum Arzt und lass Dir Hormone geben, das kann es ja nicht sein.“

Das kann es nicht sein, in der Tat. Aber was dann? Wo liegen die Ursachen dafür, dass offenbar wirklich immer mehr Jugendliche unter Geschlechtsdysphorie leiden, also unter geschlechtlichen Identitätsproblemen? Das Buch bietet ein Sammelsurium möglicher Erklärungen von Magersucht bis Angststörungen.

Die Aufklärung über Transsexualität bleibt aus

Dem eigenen, im Klappentext formulierten Anspruch, aufzuklären über das Thema Transsexualität, werden die Autorinnen mit ihrem eklizistischen Ansatz nicht wirklich gerecht. Da hilft auch der Verweis Schwarzers auf ihre frühe Toleranz Transsexuellen gegenüber nicht weiter.

„Toleranz jetzt“, das ist es, was wir brauchen. Und einen offenen Austausch mit transidenten Menschen. So wie in der Sendung mit der Maus zum Beispiel.

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