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Ein Roman wie eine Netflix-Serie: Alexa Hennig von Lange erzählt in „Die Wahnsinnige“ von Intrigen rund um die spanische Krone Anfang des 16. Jahrhunderts

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Die Wahnsinnige und der Schöne

Die Geschichte spielt in einer Epoche, in der Regenten oft wunderbare, zuweilen aber auch denunziatorische Beinamen tragen: Johanna die Wahnsinnige ist mit Philipp dem Schönen verheiratet. Doch die damals 23-jährige Thronfolgerin ist von ihrer Mutter, der Königin von Spanien, in der andalusischen Festung La Mota eingesperrt worden, auf dass die Tochter hinter dicken Mauern endlich zur Vernunft kommen möge.

Denn Johanna verärgert und verschreckt die Eltern und deren Gefolgschaft mit Wutanfällen, vor allem aber weigert sie sich, die Beichte abzulegen, was der Mutter, die auch Isabella die Katholische genannt wird, auf ganzer Linie missfällt.

Selbstbestimmung ist für eine Thronfolgerin nicht vorgesehen

Eigentlich soll sich Johanna auf die Thronfolge vorbereiten, aber die möchte nicht herrschen, sondern frei vom klerikalen Zwang leben und über sich selbst bestimmen. Weil ihr diese Freiheit nicht gewährt wird, weil die Agenten der Mutter sie überwachen und bespitzeln, rastet Johanna regelmäßig aus.

Johannas Blick fiel auf die Bibel auf dem Tisch. Sie griff mit beiden Händen danach, um damit den Geistlichen zu schlagen. Ihr war alles egal. Nur diese Wut, diese Verzweiflung sollten ihr Werk tun. Sie war vollkommen angefüllt davon.

Alexa Hennig von Lange: Die Wahnsinnige

Alexa Hennig von Lange hat ein gutes Gespür für diesen Stoff, der aus personaler Perspektive entfaltet wird. So nah die Erzählstimme bei der Protagonistin bleibt, durch die Rückschau in der dritten Person wird zugleich eine nötige Distanz zwischen Figur und Erzählerin markiert.

Damit kann die zentrale Grundannahme des Romans glaubhaft durchgespielt werden, dass nicht die Titelheldin wahnsinnig ist, obwohl sie so genannt wird, sondern vielmehr jene Männer in ihrem Umfeld, die Zuneigung simulieren und doch nur ihre eigenen Bedürfnisse befriedigen. Sowohl der Vater als auch der Gatte wollen Johanna um ihre Macht bringen, später sogar der eigene Sohn.

Wie verrückt die historische Figur tatsächlich war, ist umstritten. Während die Großmutter völlig verwirrt starb, wird das Verhalten Johannas in der zeitgenössischen Geschichtsschreibung eher als Melancholie oder manische Depression gedeutet. Es ist wohl davon auszugehen, dass weniger ein Seelenleiden als vielmehr machtpolitische Gründe für ihre Internierung eine Rolle gespielt haben.

Ich werde gefoltert, an Stricken aufgehängt, mit Gewichten an den Füßen, um aus mir den Wahnsinn hervorzulocken, der angeblich der Grund für meine Gefangenschaft ist.

Alexa Hennig von Lange: Die Wahnsinnige

In einem fiktiven Brief an ihre Tochter, der dem Roman vorangestellt ist, versucht Johanna zu erklären, wie es dazu kommen konnte, dass die Mutter eingesperrt wurde. Und mit diesem - selbstverständlich fiktiven - Brief legt sich Alexa Hennig von Lange auf eine Deutung dieser so interessanten Figur fest.

Für den Roman spielen geschichtswissenschaftliche Bewertungen nur eine untergeordnete Rolle, und das ist auch gut so. Die Schriftstellerin nimmt sich die literarische Freiheit, Johannas Lebensgeschichte wie eine spannende Netflix-Serie zu inszenieren, mit rasanten Dialogen, schroffen Wendepunkten und starken Gefühlen.

Sie nutzt die überlieferten Informationen, um eine Figur zu zeichnen, die fürs heutige Publikum interessant ist, und im Zweifel sind ihr melodramatische Szenen, eine Zuspitzung des Plots und vor allem wilde Liebesnächte wichtiger als die Rekonstruktion der damaligen Verhältnisse. Das gelingt ihr besonders gut in einer langen Sexszene, die mit einer sanften Annährung in der Badewanne beginnt.

Vorsichtig stieg er zu Johanna in die Wanne. Sie machte ihm Platz, indem sie ihre Beine auseinandernahm, so dass er sich zwischen ihre Schenkel setzen konnte. Sie berührten sich nicht, sie saßen nur im ölig duftenden Wasser.

Alexa Hennig von Lange: Die Wahnsinnige

Aus der zarten Annährung entwickelt sich eine wochenlange Liebesorgie in den königlichen Gemächern, die erst unterbrochen wird, als die Berater mit wichtigen Informationen am Bett stehen.

Weil Alexa Hennig von Lange es schafft, in den entscheidenden Momenten das Liebesdrama wieder mit den politischen Konfliktlinien zu kreuzen, bleibt die Handlung bis zuletzt spannend. Philipp ist weder treu noch loyal. Er betrügt Johanna sogar auf doppelte Weise, im Bett mit einer anderen Gespielin und auf der Bühne der Monarchie, weil er die Gemahlin für verzichtbar hält.

Ein großer Fehler, den der Mann nicht einmal mehr bereuen kann, weil er bald sterbenskrank im Bett liegt. Johanna könnte triumphieren, aber das wäre Verrat an den eigenen Prinzipien.

Endlich herrschten Frieden und Einigkeit zwischen ihnen, wie es eigentlich sein sollte. Sie war seine Königin. Er ihr König. Es war schön und gleichzeitig auch traurig.

Alexa Hennig von Lange: Die Wahnsinnige

Das Buch ist kein historischer Roman. Alexa Hennig von Lange bleibt vielmehr ihren Themen und ihrer Tonlage treu. Sie leuchtet perfide Machtverhältnisse aus, die damals wie heute die Gesellschaft prägen und die schönsten Gefühle in dreckigen Egoismus umschlagen lassen.

„Die Wahnsinnige“ ist popfeministische Prosa im historischen Gewand. Die vergangenen Konflikte dienen als Folie, um im Telenovela-Format von der Selbstbestimmung einer Frau in patriarchalen Verhältnissen zu erzählen. Die Anlage des Romans als Drehbuch sorgt für eine literarische Unterhaltung, die es in der zeitgenössischen deutschen Literatur viel zu selten gibt.

Gespräch Alexa Hennig von Lange über ihren Roman „Die Wahnsinnige“

Schon mit 19 Jahren begegnet der Autorin Alexa Hennig von Lange die Geschichte von „Johanna der Wahnsinnigen“. Seitdem lässt sie das Schicksal der jungen Thronfolgerin, die im frühen 16 Jahrhundert von Ihrer Mutter in der Festung La Mota eingesperrt wurde, damit sie „zur Vernunft“ kommt, nicht mehr los. Dabei will Johanna nur eins: selbstbestimmt leben. „Dass man verzweifelt, wütend wird wenn das Umfeld einen nicht versteht, das konnte ich gut nachvollziehen“, sagt Alexa Hennig von Lange im Lesenswert-Gespräch.

Dumont Verlag
ISBN 978-3-8321-8127-7
208 Seiten
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