Buch der Woche vom 26.06.2017 Aus dem Koreanischen von Sebastian Bring

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Aus dem Koreanischen von Sebastian Bring

Arum ist erst 16 Jahre alt und sieht doch schon aus wie ein Greis. Der koreanische Junge leidet unter der Krankheit Progerie. Er wird sterben; soviel ist schon zu Anfang des Romans klar.

Der 37-jährigen koreanischen Autorin Ae-ran Kim ist ein großer Familienroman gelungen, der in aller Brüchigkeit von der Liebe zwischen Eltern und ihrem Kind erzählt. Große Literatur aus Fernost.

dgf

Ein koreanischer Literaturstar fasst Fuß in Deutschland

Von der koreanischen Literatur- und Kunstszene kommt in Deutschland in der Regel nur wenig an. Dem ein oder anderen ist vielleicht noch der südkoreanische Regisseur Kim-Ki Duk ein Begriff. Mit Filmen wie "Leere Häuser" und "Arirang" hat er sich auch hierzulande einen Namen gemacht.

Koreanische Schriftsteller hingegen tauchen kaum auf dem deutschen Buchmarkt auf. Ein kleiner Verlag mit Sitz in der Nähe von Weimar will das ändern. Der Cass-Verlag publiziert ausschließlich japanische und koreanische Literatur in Übersetzung. Gerade ist dort der Roman „Mein pochendes Leben“ von Ae-Ran Kim erschienen, die in ihrem Heimatland ein regelrechter Literaturstar ist.

Das Elternsein wird aus einer neuen Perspektive erzählt

Als Daesu und Mira Eltern werden, sind sie 16. Daesu ist gerade von der Sportoberschule geflogen, weil er dem Schiedsrichter nach einem Taekwondo-Wettkampf einen zweifachen Sidekick verpasst hat. Was er aus seinem Leben machen will, weiß er nicht, und er will es auch nicht wissen. Paradoxerweise findet Mira ihn gerade deswegen anziehend. Als sie schließlich schwanger ist, muss auch sie die Schule verlassen.

Was hier wie der Beginn einer klassischen Coming-of-Age-Story aussieht, entpuppt sich schnell als klug komponiertes Vexierspiel. Denn erzählt wird der Weg in das Elternsein nicht etwa aus der Sicht eines auktorialen Erzählers oder der beiden 16-Jährigen, sondern aus der Perspektive von Miras und Daesus Sohn Arum.

Eine schwere Krankheit bestimmt das Leben des Jungen

Als Arum mit seiner Erzählung beginnt, ist er selbst 16. Und er leidet an Progerie – einer sehr seltenen und erblich bedingten Erkrankung, die ein vorzeitiges und rasant schnelles Altern hervorruft. De facto ist er damit laut Aussage seiner Ärzte biologisch bereits 80 Jahre alt.

Während sich Mira ausschließlich der Pflege ihres kranken Sohnes widmet, versucht Daesu die Familie mit Gelegenheitsjobs über Wasser zu halten. Die finanzielle Unsicherheit nagt an den jungen Eltern, zumal die teure medizinische Behandlung Arums die letzten finanziellen Reserven auffrisst.

So nehmen sie eines Tages das Angebot einer Fernsehproduktionsfirma an und stellen ihr Familienschicksal für die Serie "Den Menschen ein Herz schenken" zur Verfügung.

Spätestens hier wird die Ausgebufftheit Ae-ran Kims deutlich. Denn sie zeigt an der Art, wie Arums Familie den Journalisten von ihrem Schicksal erzählt und wie diese Geschichte in Bildern aufbereitet wird, wie brüchig unsere Erzählungen sind, und wie verrückt es ist, wenn wir uns unser Leben zurecht erzählen.

Eine E-Mail verändert für Arum alles

Nach der Ausstrahlung der Sendung bekommt Arum eine Mail von einem Mädchen, das selbst an Krebs erkrankt ist und das regen Anteil an seinem Schicksal nimmt. Arum verliebt sich zum ersten Mal in seinem Leben. In der Folge schreiben Arum und So-Ha, wie er das Mädchen nennt, sich intensiv. Sie gesteht ihm, dass sie Schriftstellerin werden will, und auch er verrät ihr, was er noch niemandem zuvor erzählt hat, dass er eine Geschichte schreiben will.

Durch das Schreiben löst sich Arums Abgeklärtheit zunehmend auf.

Ein falsches Spiel verschlechtert den Gesundheitszustand

Als sich aber schon nach kurzer Zeit herausstellt, dass dieses Mädchen ihn hintergangen hat, brechen bei ihm alle emotionalen Dämme. Arums Gesundheitszustand verschlechtert sich. Spielt anfangs der Körper des jungen alten Helden so gut wie keine Rolle, so dass man fast das Gefühl hat, dass er seltsam körperlos ist, drängt sich nun die Erkrankung in den Vordergrund.

Auch der Ton der Erzählung ändert sich im Laufe des Buches: Ist der Blick dieses alten Kindes auf seine Eltern am Beginn zärtlich und von feiner Ironie durchzogen, lacht man noch, wenn die werdenden Eltern abends im Bett ihre naiven Vorstellungen äußern, wird er zum Ende hin ernster und die Sprache poetischer. Man ist tief ergriffen, wenn die Eltern am Bett ihres inzwischen erblindeten Sohnes sitzen.

Auch nach seinem Tod erzählt Arum weiter und beobachtet, wie seine Eltern die Geschichte lesen, die er ihnen geschrieben hat. Mit solchen Mitteln schlägt Kim nicht nur der Wirklichkeit, sondern auch dem Genre ein Schnippchen.

Die Natur und der Wechsel der Jahreszeiten als Leitmotiv des Romans

Dabei bedient sie sich der Versatzstücke klassischer Bildung genauso wie des Comics, des Popsongs, ja auch des Videospiels, in dessen Welt Arum mühelos herumhüpfen und, wenn er gestorben ist, einfach wieder von vorn anfangen kann. All das ist für die Wahrnehmung des Protagonisten genauso bedeutsam wie die Natur und der Wechsel der Jahreszeiten, der sich gleichsam leitmotivisch durch den ganzen Roman zieht. Er spiegelt letztendlich auch das Werden und Vergehen alles Lebenden.

Mit »Mein pochendes Leben« ist Ae-ran Kim ein meisterhafter Roman gelungen, der sich trotz der erzählerischen Kniffe und Tricks, Sprünge und Brüche angenehm spannend liest, was nicht zuletzt auch der kongenialen Übersetzung zu verdanken ist.

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