Sachbuch Edward Snowden: „Permanent Record“ - Deine Spuren bleiben im Netz

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Weltweit erscheint heute das neue Buch des ehemaligen CIA-Agenten Edward Snowden. Der Titel „Permanent Record. Meine Geschichte“ spielt darauf an, dass die Spuren jedes einzelnen für immer im Netz bleiben. 2013 deckte Snowden die umfassende Überwachung der US-Geheimdienste auf. In „Permanent Record“ erzählt er die Geschichte seiner Erkenntnisse aus persönlicher Sicht, berichtet von seiner Gewissenskrise und dem Entschluss, seine Erkenntnisse öffentlich zu machen. Das Buch des vermutlich weltweit bekanntesten Whistleblowers nötigt Respekt ab, weil Snowden aus Gewissensgründen handelt und ein sorgloses Leben aufgegeben hat für den Vorsatz, um ein freies und sicheres Internet zu kämpfen.

„Mein Name ist Edward Joseph Snowden. Früher stand ich im Dienst der Regierung, heute stehe ich im Dienst der Öffentlichkeit. Ich habe fast dreißig Jahre gebraucht, um zu erkennen, dass das nicht dasselbe ist, und als es endlich so weit war, bekam ich ein wenig Ärger mit meinem Arbeitgeber.“

Edward Snowden: „Permanent Record“

So beginnt der Whistleblower seine Geschichte - und „ein wenig Ärger“ ist natürlich ironisch-untertrieben. Das Auslieferungsgesuch der USA ist noch heute aktuell. Und dafür, dass Snowden geheime Dokumente seines Arbeitgebers nach draußen schmuggelte, hat er einen hohen Preis gezahlt und sein normales Leben aufgegeben.

Aus Angst vor neuem Versagen in die digitale Überwachung

Aber Edward Snowden ist bei allem Ernst seiner Lage humorvoll: Auch wenn er uns erklärt, dass Außerirdische, soweit er es feststellen konnte, nie Kontakt zur Erde gehabt hätten. Dieses Buch gewährt einen Blick in unsere Geheimdienste: Dass eine Botschaft heute vor allem eine Einladung für Spionage ist - wer würde das sonst so freimütig erklären?

Edward Snowden 2017 in einem Hotel in Moskau (Foto: Imago, Kyodo News)
Edward Snowden 2017 in einem Hotel in Moskau Imago Kyodo News

Dass die amerikanischen Geheimdienste, die Intelligence Community, ihre Arbeit massiv auf digitale Überwachung, auf „Sammelerhebung“, wie sie sagen, umgestellt habe, sei nur einem Tag geschuldet, schreibt Snowden: dem 11. September 2001. Die Geheimdienste hätten aus ihrer Sicht dabei versagt, diese Katastrophe vorauszusehen. Man habe sich vorgenommen, einen ähnlichen Angriff ein für alle Mal zu verhindern - so unrealistisch das sei.

„Technik wurde nicht mehr eingesetzt, um Amerika zu verteidigen, sondern um Amerika zu kontrollieren, indem man die private Internetkommunikation der Bürger zu potentiellen geheimdienstlichen Informationen umdefinierte.“

Edward Snowden: „Permanent Record“

Dabei hatte Snowden - und da wird es nostalgisch - das Internet der 90er Jahre, den Pioniergeist, noch als Kind miterlebt. Das anarchische World Wide Web, mit dem man damals noch Wissen austauschen wollte - nicht Geld verdienen.

„Es war ein Freund. Es stand jedem Mitglied frei, sich einen Namen, eine Geschichte und Regeln zu geben. Diese Kultur der Anonymität brachte mehr Wahrheit als Unwahrheit hervor, denn sie war kreativ und kooperativ statt kommerziell und konkurrenzorientiert.“

Edward Snowden: „Permanent Record“

9/11 war der Wendepunkt für das Internet und für die Arbeit der Geheimdienste. Die USA ziehen in den vermeintlichen Krieg gegen den Terror, für den alle Mittel, auch die Massenüberwachung, legitim zu sein scheinen.

„Was ich in meinem Leben am meisten bedauere, ist meine reflexartige, unkritische Unterstützung dieser Entscheidung. Ich nahm alle von den Medien kolportierten Behauptungen für bare Münze und betete sie herunter, als würde ich dafür bezahlt.“

Edward Snowden: „Permanent Record“

Mit 20 Jahren meldet sich Snowden zum Militärdienst. Das verschafft ihm später die Versetzung in die IT-Abteilung der Geheimdienste. Der blinde Patriotismus hatte ihn hierher gebracht. Aber warum beteiligt er sich dann an dem System noch so lange?

„Die Distanz, die ein Bildschirm schafft, fördert die Entpersonalisierung von Erfahrungen. Das Leben heimlich durch ein Fenster zu betrachten kann uns von unserem Handeln entfremden und eine bedeutsame Konfrontation mit seinen Folgen erschweren.“

Edward Snowden: „Permanent Record“

„Permanent Record“, der Buchtitel, bedeutet: Alles, was du tust, wird für immer aufgezeichnet. Der ungebrochene Traum der Geheimdienste - auch wenn Snowdens Enthüllungen viel angestoßen haben: deutlich mehr Verschlüsselung und letztlich auch die Datenschutz-Grundverordnung der EU.

Snowden will noch die letzten Kritiker davon überzeugen, dass die Argumentation „Ich habe doch nichts zu verbergen“ unsinnig ist. Er erinnert an die Volkszählung im nationalsozialistischen Deutschland, die die Bürger in Protestant, Katholik oder Jude einteilte. Was später half, die jüdische Bevölkerung in die Vernichtungslager zu deportieren. Die digitale Überwachung ist eine permanente Volkszählung.

Snowdens Geschichte verlangt viel Respekt ab, weil er aus Gewissensgründen, nicht aus egoistischen Motiven, gehandelt hat, um der Öffentlichkeit ein freies und sicheres Internet zurückzugeben.

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