SWR2 Buch der Woche vom 13.11.2017 Durs Grünbein: Zündkerzen

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In seinem neuen Lyrikband "Zündkerzen" präsentiert sich Durs Grünbein abermals als "Dichter der Übergänge", nämlich teilnehmend an seiner Zeit. Manchmal schon rüpelhaft, bereit zur Pöbelei gegen Ansprüche, Feigheit und den "Zirkus der Bigotterie". Antikes Versmaß und mythische Bilder geben der profanen Präsenz einen Hallraum und holen sie aus der „Bananenrepublik des Realen“ ins Relevante.

Die fast schon hemmungslose Feier des Gelegenheits- oder Ding-Gedichts wird klammheimlich ins Ewige gebracht, zu den letzten Fragen, um die es auch in diesem Band wieder geht, mit dem angemessenen Selbstbewusstsein des dichterischen Denkers, der sich bekennt zum Höhenflug, dem letzten Leichtsinn, dem "Tanz im Freien / Über den Aschehalden Europas."

sdf

Plädoyer für ein dichterisches Denken in Bildern

Durs Grünbein ist einer der wirklich Großen auf dem Feld der deutschsprachigen Dichtung und dabei vollkommen gegenwärtig, provozierend souverän, sogar politisch engagiert, wenn man daran denkt, dass er als einer der wenigen prominenten Dresdner schon im Februar 2015 deutliche Worte gegen die Dresdner Demonstranten fand.

Wie klug er Gegenwärtiges, Geschichtliches und auch Persönliches in die Überzeitlichkeit der Literatur zu bringen versteht, zeigte er vor zwei Jahren mit seinem faszinierenden Prosa-Kaleidoskop "Die Jahre im Zoo", ein dichterisch gedachtes, ernstes Spiel über Kindheit und Erinnerung. Man tut also gut daran, mehr als zweimal über die Gedichte in seinem neuen Buch nachzudenken. Das Buch heißt „Zündkerzen“. "Zündkerzen sind Dinge, keine Ideen und erst recht keine Konzepte", heißt es im Klappentext.

Autor Durs Grünbein (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa -)
Autor Durs Grünbein picture-alliance / dpa -

Diese Ansage dürfte vom Dichter selbst stammen, so vehement setzt sie seine Gedichte von einer Dichtung ab, die den Gedanken vor die Anschauung stellt. So klar das Plädoyer für ein dichterisches Denken in Bildern, durch das Gedichte zu mehr als Experimenten am Sprachmaterial, zu eben auch sinnlich erfahrbaren Gegenständen werden. So klingen zum Beispiel die ersten Verse des Eingangsgedichts "Aus einem Buch der Schwächen":

"Nun fang an, Schreib ein Buch deiner täglichen Schwächen"

Das Leben, durch das wir hindurch fahren. Das Leben als Fahrstuhl, ein simples Bild, das gleich komplizierter wird, wenn man merkt, dass auch das Gedicht in Vers-Etagen auf der Seite steht. Wir sind gemeint, wenn wir lesen. Wir als Leserinnen sind buchstäblich in der Situation desjenigen, der da im Fahrstuhl steht und sich schließlich selbst kommentiert:

Das Gedicht zwischen Freiheit und Beschränkung, Leben und Tod, Form und Spiel

Ein Bild des Schreckens: dass der Fahrstuhl an seinem Ende ankommt. Ein Bild der Freiheit: zu wissen, dass kein Halt versprochen war. Das sind Verse, die mit den existentiellen Fragen eines Dichters umgehen, der sich selbst in diesem Buch als einen entwirft, der stets ins Freie strebte und doch – wie alle – im Gehege der Großstadt und auch des Gedichts die programmierten Wege abschreitet: Freiheit und Beschränkung, Leben und Tod, Form und Spiel, die Kunst und das Ich.

Das Märchen vom Ich in der Zeit. Das Märchen von der Rettung durch Literatur. Das Märchen vom Traum und vom Unbewussten als Schlüssel zum Ich. In dem großartigen elegischen langen Gedicht "Die Massive des Schlafs", aus dem diese Verse stammen, entwirft Durs Grünbein das Wesen des Menschen als unerreichbar in der Absenz von Erinnerung und Vernunft. Hier schlägt das Herz der Kunst, die dem Zentralmassiv der Existenz mit ihren "Dramaturgien des Traums" jedoch auch vorgelagert bleibt.

Grünbein stellt die Obszönität europäischer Phantasien bloß

Dies im Sinn, kommt man weit, auch bei der Lektüre scheinbar platter Gedichte wie "Die Ausgestoßenen". Ein Text aus dem zweiten Kapitel, der bereits die Gemüter von Durs Grünbeins Kollegen erhitzt hat. Der Anfang geht so:

Es geht um letzte Fragen

Selbstverständlich ist der erste Reflex auf diese Verse, sich über naive Fortschreibung rassistischer Klischees zu echauffieren. Wer über den Reflex hinauskommt, sich Breughels "Schlaraffenland" anschaut und tatsächlich liest, welche Bezüge Grünbein herstellt, wird feststellen, dass schon in dieser ersten Strophe auf komplizierte und kluge Weise Obszönität ausgestellt wird. Die Obszönität europäischer Phantasien.

Die Obszönität, mit der in Europa seit 2014 von Menschen geredet wird, die über das Meer kommen. Die Obszönität der Bedingungen auch, unter denen sie in Europa leben. Grünbein überblendet dafür AFD-Rhetorik mit den Bildern der aufgeschwemmten Toten aus dem Meer und mit mythischem Material. Die Bilder hinter den offensichtlichen Bildern sprechen von tiefer Trauer und entsetzlicher Schuld, der sich niemand entziehen kann. Denn die vollgefressen unter Breughels Bäumen liegen, stammen aus allen Ständen.

Es dürfte kein Zufall sein, dass spätestens in diesen letzten Versen des Gedichts unklar wird, von wem und aus welcher Perspektive dieses Ich im Gedicht spricht. Kein Zufall auch, dass im letzten Vers ein Buchtitel des Menschenrechtlers Gabriele del Grande mitklingt, der das mythisch anmutende „Meer“ in die Realität der politischen Gegenwart holt.

So arbeitet Grünbein, "Dichter der Übergänge": teilnehmend an seiner Zeit. Manchmal schon rüpelhaft, bereit zur Pöbelei gegen Ansprüche, Feigheit und den „Zirkus der Bigotterie". Antikes Versmaß und mythische Bilder geben der profanen Präsenz einen Hallraum und holen sie aus der "Bananenrepublik des Realen" ins Relevante.

Die fast schon hemmungslose Feier des Gelegenheits- oder Ding-Gedichts wird klammheimlich ins Ewige gebracht, zu den letzten Fragen, um die es auch in diesem Band wieder geht, mit dem angemessenen Selbstbewusstsein des dichterischen Denkers, der sich bekennt zum Höhenflug, dem letzten Leichtsinn, dem "Tanz im Freien / Über den Aschehalden Europas."

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