SWR2 Buch der Woche vom 12.02.2018 Wioletta Greg: Unreife Früchte

Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall

Coming-of-Age in Polen: Von einer Kindheit auf dem Dorf erzählt Wioletta Greg in „Unreife Früchte“. Eine Kindheit, in der es nach frischem Heu, erhitztem Wachs und verbrannter Tierhaut riecht. Die Politik der 70er und 80er Jahre spielt im Hintergrund eine Rolle. Im Vordergrund aber stehen kindliche Abenteuer und frühes Bewusstsein für die Schönheit und Vergänglichkeit der Welt.

Dauer

Die 1974 geborene, polnische Autorin Wioletta Greg – ihr eigentlicher Name ist Wioletta Grzegorzewska – hat als Lyrikerin begonnen, etliche ihrer Texte sind in renommierten Zeitungen und Zeitschriften veröffentlich worden. 1998 erschien ihr erster Gedichtband, fünf weitere folgten. 2006 zog sie nach Großbritannien.

Ihre Gedichte, die teils ins Englische übersetzt sind, handeln oftmals von den Erfahrungen des Aufwachsens im kommunistischen Polen und des Aufbruchs in ein neues Zeitalter. Auch ihr poetischer Prosaband „Unreife Früchte“ dreht sich um das Motiv der Adoleszenz. Das Buch stand auf der Longlist des Man Booker International Prize.

Eine Kindheit in der polnischen Provinz

Die Kindheit ist das große Reservoir des Schriftstellers – die ersten Erfahrungen und Erzählungen sind hier geborgen. Die Neugierde und Fantasie entwickelt sich in der Kindheit und entzündet sich an Kindheitserlebnissen. Wer als Erwachsener zurückschaut auf den Mikrokosmos des Kindes, muss allerdings auch mit einer höchst selektiven Erinnerung zurechtkommen – mit dem kurzen Aufblitzen von einzelnen Momenten der Verzauberung, Verzweiflung, Verweigerung. Eine stringente, eins ins andere fügende Geschichte ist Kindheit und Jugend ja fast nie.

Wioletta Greg (Foto: SWR, C.H. Beck - Joanna Sidorowicz)
Wioletta Greg C.H. Beck - Joanna Sidorowicz

Mit dieser Eigenheit des Rückblicks kann man allerdings auch auf faszinierende Weise spielen, so wie es Wioletta Greg in „Unreife Früchte“ tut: Sie fügt darin in kleinen Szenen ihre Kindheitsgeschichten zu einem facettenreichen Roman aneinander. Diese Miniaturen führen zurück in die siebziger und achtziger Jahre im kleinen schlesischen Dorf Hektary, einen fiktiven Ort in Polen. Das Vorbild ist das in eine bildstarke Kulisse verwandelte Dorf Rzeniszów, in dem die 1974 geborene Dichterin Wioletta Greg zu Zeiten General Jaruzelskis und von Solidarność aufgewachsen ist. Wiolka oder Loletka wird sie im Buch von den Eltern gerufen.

Die Auswirkungen des Sozialismus im Kosmos von Dorf und Familie

Die politischen Hintergründe und Erschütterungen dieser Jahre sind für sie nur indirekt zu spüren, aber sie sind natürlich auch an diesem Ort da, wie man gleich zu Beginn erfahren kann: Die Mutter erzählt einer Freundin aus der Nachbarschaft die Geschichte von Wiolkas Geburt. Einen Monat nach der Verhaftung des Vaters wegen Fahnenflucht und zwei Wochen vor dem Entbindungstermin sei ihr eine Arbeit in der Baufabrik zugewiesen worden.

Kleinliche Glaubenskriege am Straßenrand

Das Kind Wiolka wird in eine Welt hineingeboren, in der Katholizismus und Aberglaube ganz selbstverständlich miteinander vermengt werden. Der Vater hält sich von den volksfrommen Ritualen der Dorfgemeinschaft eher fern, verbringt seine Zeit lieber mit dem Ausstopfen toter Tiere. Die Frauen aber, die Großmutter und Mutter, sind richtiggehend beseelt.

Einmal bereitet sich die Gemeinde auf einen bedeutenden Gast vor: Johannes Paul II. soll Hektary zwar nicht besuchen, aber das Dorf in seinem Papamobil doch wenigstens passieren. Die frommen Frauen nähen Wimpel, die von einigen Männern zu Ehren des Papstes an der Straße aufgehängt werden. Allzu lange schmückt die Wimpelkette das Dorf allerdings nicht: Es warten schon andere, die den Auftrag haben, sie abzureißen und in den Schmutz zu werfen. Es ist ein bisschen wie bei Don Camillo und Peppone: Katholiken und Kommunisten spielen hier Katz und Maus. Der Papst übrigens macht am Ende doch einen Bogen um Hektary; mit dem Hubschrauber hat man ihn bereits am Morgen des großen Tages nach Tschenstochau geflogen.

Perspektive eines Kindes, das die Welt mit den Augen eines Katers sieht

Wioletta Gregs Roman ist eine Zeitreise. Mit Wiolka streunen wir durch eine bäuerlich geprägte Welt, in der trotz der sozialistischen Fortschrittsfloskeln alles so ist, wie es immer schon gewesen zu sein scheint. Für das Kind sind die Dinge dennoch staunenswert und neu. Einmal findet die kleine Wiolka einen Kater, mit dem es nicht gut ausgehen wird; aber einen Sommer lang streicht sie mit ihm durch die Felder.

Wir Leser entdecken in Gregs Roman ebenfalls eine eigene Geometrie, einen verwinkelten, unermesslichen Raum voller Geheimnisse und Magie. Aber auch die ihre Umwelt mit allen Sinnen wahrnehmende Wiolka stößt an die Wirklichkeit und nimmt schemenhaft die unüberwindliche Macht des Vergangenen wahr – die Deutschen und die Sowjets, das sind die Gespenster, die im Bewusstsein der Menschen furchteinflößend herumspuken. Und sie entdeckt, je älter sie wird, Unheimliches und Verwirrendes. Bei einem Arztbesuch macht sie zum ersten Mal Bekanntschaft mit den Abgründen der Erwachsenenwelt. Der Doktor führt sie hinter einen Wandschirm, öffnet seinen Hosenschlitz und gibt ihr seinen Penis in die Hand wie „ein Röhrchen aus Knete“.

Ein Paradies ist diese Welt nicht; der Sündenfall hat vor der katholischen Provinz nicht Halt gemacht – die Unschuld kann man hier leicht verlieren. Wiolkas Erlebnisse aber werden von Wioletta Greg niemals bewertet, sondern aus der Perspektive des Kindes registriert, dem eigenen Vorstellungshorizont eingefügt, hingenommen.

Ein sinnlich-melancholischer Roman

So durchzieht dieses sinnliche Buch, in dem es nach frischem Heu und erhitztem Wachs, nach verbrannter Tierhaut und nach verrotteten Wurzeln, Schlamm und Kardamom riecht, bei aller Lakonie und auch Witz zwar keine Nostalgie, aber doch ein melancholisches Grundrauschen: Als Wiolkas Vater stirbt, ist er gerade 50 Jahre alt. Die Jugendliche erinnert sich am Tag des Begräbnisses daran, wie er einmal zu ihr über die Seltsamkeit des Lebens sprach.

Eine unreife Frucht – ein Stadium, das man also kaum jemals verlässt? Ja und nein. Einerseits ist da das Gefühl der Absurdität und von Anfang an feststehender Vergänglichkeit, von dem dieser Roman spricht. Im Bild der unreifen Frucht aber könnte auch eine kleine Hoffnung liegen: Dass man doch noch zu voller Reife kommt. Und sich möglicherweise weiter in der Welt umsehen kann. Der Autorin ist das gelungen, dank der Literatur.

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