SWR2 Buch der Woche vom 11.12.2017 Ein True-Crime-Roman

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Ein True-Crime-Roman

1959 schlug Heinrich Pommerenke in Süddeutschland zu. Innerhalb von kürzester Zeit vergewaltigte und ermordete er mehrere Frauen. Außerdem gingen etliche Raubüberfälle und Einbrüche auf sein Konto. Wer war dieser Mann, der 2008 – nach fast 50 Jahren hinter Gittern – in Hohenasperg starb?

Das Autorenduo Zownir & Anfuso hat sich auf Spurensuche begeben. Entstanden ist eine sehr persönliche und daher durchaus abgründige Auseinandersetzung mit dem Gewaltverbrecher. Spannend wie ein Krimi!

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„Das Ungeheuer vom Schwarzwald“

Die Autoren Miron Zownir und Nico Anfuso (Foto: CultureBooks Verlag -)
Das Autorenduo Miron Zownir und Nico Anfuso CultureBooks Verlag -

Die Leute nannten ihn „Das Ungeheuer vom Schwarzwald“: Heinrich Pommerenke war ein deutscher Gewaltverbrecher, der 1959 in der Region um Karlsruhe für Angst und Schrecken sorgte. Als man ihm 1960 den Prozess machte, hatte er sich, gerade 22-jährig, fünfundsechzig Delikte zu Schulden kommen lassen – vier Morde, Vergewaltigungen, Körperverletzungen, Raubüberfälle, Einbrüche.

40 Jahre lang saß Pommerenke für seine Taten im Gefängnis. Bei seinem Tod, kurz nach Weihnachten 2008, war er sogar der am längsten einsitzende Häftling in der Bundesrepublik. Pommerenke ist die Titelfigur eines Psycho-Thrillers des Berliner Autorenpaars Miron Zownir und Nico Anfuso.

Branco und Billie sind unterwegs in die Flitterwochen nach Venedig. Der Kameramann und die junge Journalistin sind noch gar nicht am Ziel, da ist die Reise auch schon wieder zu Ende: erst gibt die Lichtmaschine an ihrem altersschwachen Citroën den Geist auf. Dann muss Branco sofort nach New York, da ein wichtiger Auftrag ruft. Billie kehrt allein nach Berlin zurück und macht sich wieder an ihre Arbeit.

Anmaßend wie der Teufel und gleichzeitig bedauernswert naiv

Sie schreibt an einem Buch über Heinrich Pommerenke, liest man im Thriller von Zownir & Anfuso. Drei Jahre lang hat Billie akribisch zu dem Massenmörder und Vergewaltiger recherchiert, Zeitungsartikel ausgewertet, Tatorte besichtigt, Opfer interviewt. Auch den Täter, einen inzwischen alten Mann mit langem weißen Bart, besucht sie im Gefängnis, und sie schreibt:

Je mehr sich die Journalistin Billie in ihr Projekt vertieft, desto unruhiger wird sie. Sie schläft nicht mehr, hat keinen Appetit, raucht einen Joint nach dem anderen, wirkt rastlos. Plötzlich ist Branco zurück aus New York, doch Billie begegnet ihm gleichgültig. Nur wenn sie ihre Aufzeichnungen zu Pommerenkes Verbrechen durchsieht, kommt sie zur Ruhe. Dann scheint die Zeit wie im Flug zu vergehen.

Der erste Mord war ungefähr fünf Kilometer von meinem Elternhaus

Miron Zownir erzählt: "Pommerenke, den kenne ich noch aus meiner Kindheit. 1959 waren seine ersten Morde, da war ich fünf Jahre alt und der erste Mord war ungefähr fünf Kilometer von meinem Elternhaus, das war im Kleeblatt in Durlach."

Miron Zownir wuchs in Karlsruhe als Sohn deutsch-ukrainischer Eltern auf. Seit Mitte der Siebzigerjahre arbeitet er als Fotograf. Zownir lebte unter anderem in New York, Los Angeles und Moskau, bevor er nach Berlin zog. In düsteren Schwarz-Weiß-Aufnahmen portraitiert er mit Vorliebe die Außenseiter der Gesellschaft. Obdachlose, Junkies, Waisenkinder.

Aber Zownir schreibt auch. Sein vierter Roman handelt von dem Mörder, der damals alle in Atem hielt: "Pommerenke war permanent in den Köpfen der Leute. Es war einfach der schlimmste Mörder überhaupt! In dem Ausmaß, in der Brutalität gab es eben keine Figur, die in der Gegend wirklich so weit gegangen wäre."

Nico Anfuso muss die Arbeit an dem Buch abbrechen

Heinrich Pommerenke ist gerade 22, als er 1959 zur rasenden Bestie wird: Er tötet eine Friseurin, die ihm zuvor die Haare geschnitten hat. Er verfolgt eine 18-Jährige und vergewaltigt sie in ihrem Elternhaus. Er wirft eine junge Frau aus einem fahrenden Zug und vergeht sich an ihrer entstellten Leiche.

Obwohl der heute 64-jährige Miron Zownir mit den Geschichten über Pommerenke aufwächst,  ist es seine Lebensgefährtin Nico Anfuso, eine freie Autorin und Filmproduzentin, die Anfang der 2000er Jahre über Pommerenke in der Zeitung liest und denkt: das ist doch ein Stoff für ein Buch!

Wie die Billie im Roman beginnt Nico Anfuso zu recherchieren. Über einen Anstaltspfarrer nimmt sie Kontakt zu Pommerenke auf und trifft ihn mehrmals persönlich zu Gesprächen. Später schreibt ihr der lebenslänglich Einsitzende Postkarten mit kruden Rechtfertigungen. Irgendwann fühlt sich Anfuso von all den Monstrositäten, von denen sie erfährt, überfordert. Sie bricht das Projekt ab. Auch heute will sie über diese emotional aufwühlende Phase lieber nicht direkt sprechen.

Per Email teilt sie mit: "Ich war damals sehr neugierig und offen, aber sicher auch ziemlich naiv und nicht wirklich darauf vorbereitet, wie nahe mir alles gehen würde. Pommerenkes ultrareligiöse Vorstellungswelt reizte mich zum Widerspruch. Ich verlor meine Neutralität und damit auch meine journalistische Distanz, was ich damals als Niederlage erlebt habe."

Miron Zownir schreibt die Arbeit von Nico Anfuso weiter

Zehn Jahre liegt das Material unveröffentlicht in der Schublade. Nico Anfuso hat damit abgeschlossen, aber ein wenig tut es ihr um die viele Arbeit schon leid. Schließlich nimmt sich ihr Lebensgefährte Miron Zownir des Manuskripts an. Er stellt eine Bedingung: "So, habe ich gesagt, ok, ich schau mir das mal an. Ich brauche nur eines: absolute Freiheit, mich damit auseinandersetzen. Ich kann dir nicht alle fünf Minuten sagen, ist das oder das ok? Und dann habe ich das eben nach meiner Art ergänzt und auch den Charakter der Billie als Gegengewicht erfunden."

Und so entsteht der Roman als Teamarbeit zweier Autoren nicht gleichzeitig, sondern mit großem Abstand nacheinander. Zwischen das von Nico Anfuso zusammengetragene Faktenmaterial über die unglaublichen Verbrechen des Frauenmörders montiert Miron Zownir die Geschichte der jungen Billie. Je länger die sich mit Pommerenke beschäftigt, desto stärker driftet sie in eine Wahnwelt ab.

Der Roman schildert den psychischen Zerfall der Hauptperson Billie

Miron Zownir erzählt, wie Billie bei ihrer Recherche zu Heinrich Pommerenke zusehends die Kontrolle über ihr Leben verliert. Der Leser erlebt diesen psychischen Ausnahmezustand hautnah mit. Wer bereit ist, den drastisch geschilderten Weg in die Psychose mitzugehen, dem öffnen sich neue, verstörende Gedankenräume.

Während sich Pommerenkes Taten Seite für Seite zu einem unheimlichen Gesamtbild zusammenfügen, scheint Billies Leben mehr und mehr zu zerfallen. Aus dieser gegenläufigen Bewegung erzeugt das brutal realistische und auch sehr szenisch geschriebene Buch alles: Faszination und Ekel, Spannung und Tempo.

Nico Anfuso steht voll hinter dem Ergebnis, auch wenn Miron Zownir mit ihrem Material gearbeitet und das Buch schließlich abgerundet hat. Er wiederum betont, dass die Figur der Billie zwar von seiner Co-Autorin inspiriert sei, letztlich aber ein fiktionaler Charakter ist. Billies Psychose habe er am Ende des Schreibprozesses selbst verspürt: "Ich war in einem Fieber, ich war nicht mehr Mister Normal. Ich war wahrscheinlich fast so verrückt wie Billie!"

Pommerenke gab es wirklich. Deswegen nennt der Verlag das Buch einen True-Crime-Roman. Doch es ist mehr als ein subjektiv gefärbter Tatsachenroman über das Ungeheuer vom Schwarzwald. Dieser Thriller mit seinem hoffnungslos-schwarzen Schluss, enthält eine deutliche Warnung: Wer in den Abgründen menschlicher Seelenlandschaften herumklettert, geht ein hohes Risiko ein. Ein durch und durch kompromissloses Buch!

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