SWR2 Buch der Woche vom 02.04.2018 Aus dem amerikanischen Englisch von Ann und Dietrich Leube

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Geschenktipp zu Weihnachten:
„Alle reden von Trumps Abgehängten - hier kann man verstehen lernen, woher sie kommen und wie sie ticken. Erzählungen zwischen düsterer Erbsünde und erträumter Erlösung.“
SWR2 Literaturchef Frank Hertweck

Ein Buch voller Sonderlinge: Einsame Farmerinnen und uralte Generäle, Wunderheiler und Wanderarbeiter, vernachlässigte Kinder und Kriminelle treten bei Flannery O'Connor auf. Der Buchtitel warnt deshalb zu Recht: „Keiner Menschenseele kann man noch trauen“! In diesen zehn Erzählungen zeigt sich die bereits 1964 verstorbene Flannery O'Connor als wahre Meisterin der düsteren Südstaaten-Story.

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Ein Klassiker der Moderne neu übersetzt

Flannery O'Connor ist in den Vereinigten Staaten eine Klassikerin der Moderne. Als Schriftstellerin der Südstaaten steht sei auf einer Höhe mit William Faulkner, auch wenn sie viel weniger geschrieben hat – nur zwei Romane und 31 Erzählungen. O'Connor wurde 1925 in Savannah, Georgia, geboren und starb mit nur 39 Jahren an einer Autoimmunkrankheit. Diese heimtückische Krankheit war der Grund, weshalb sie fernab vom Literaturbetrieb zwischen Hühnern und Pfauen auf der Farm ihrer Mutter und ihrer Vorfahren lebte.

Autorin Flannery O'Connor (Foto: Arche Verlag - Eberhart Studio, Milledgeville, Georgia.)
Flannery O'Connor Arche Verlag - Eberhart Studio, Milledgeville, Georgia.

Ihre Geschichten haben dennoch viele Fans und Verehrer in Amerika gefunden, darunter Bruce Springsteen, der sich für den prägenden Einfluss O'Connors bedankte, indem er einen Song nach einer ihrer Erzählungen benannte: „A Good Man Is Hard to find“, Ein guter Mensch ist schwer zu finden. Diese Geschichte ist auch enthalten im Band „Keiner Menschenseele kann man noch trauen“, der nun in der neuen Übersetzung von Anna und Dietrich Leube zehn Erzählungen Flannery O'Connors versammelt.

Eine rassistische Vergangenheit, die nicht vergehen will

Die Südstaaten sind das dunkle Gegenbild des urbanen Ostküstenamerika. Mal verklärt für ihre Ursprünglichkeit, öfter gescholten für die rassistische Vergangenheit, die nicht vergehen will, diskreditiert als rückständig und verstockt, als Hillbilly-Provinz. In der Erzählwelt Flannery O'Connors findet sich wie bei William Faulkner beides dicht nebeneinander – einerseits die suggestive, liebevolle Vergegenwärtigung einer Welt, zu der sich die Schriftstellerin bekannte und die sie selbst nicht verlassen wollte, andererseits eine aufs Groteske spezialisierte Erzählkunst, die die befremdlichen, bizarren oder gar bösartigen Aspekte des „Südens“ deutlich herausstellt. Dass früher alles besser war, behaupten nur ihre Figuren.

Es klingt nach dem Gerede von der guten, alten Zeit; aber der pessimistische Befund wird im Verlauf dieser ersten Erzählung des Bandes mehr als bestätigt. Gegen das Unheil, das hier triumphiert, hätte allerdings auch keine Fliegentür geholfen. Eine Familie mit einer schusseligen Großmutter verfährt sich beim Sonntagsausflug und wird schließlich massakriert vom „Outlaw“, einem berüchtigten Ausbrecher, von dem zuvor schon bedrohlich die Rede war wie von einer aufziehenden Gewitterwand. Zwar versucht die alte Frau noch verzweifelt dem Ganoven einzureden, er sei doch eigentlich „ein guter Mensch“, aber nach kurzem Nachdenken betätigt der Outlaw dann doch den Revolver.

„Sie wär ne gute Frau gewesen“, sagte der Outlaw, „wenn jemand da gewesen wäre, der sie in jeder Minute ihres Lebens erschossen hätte.“

O'Connor zeichnet ein düsteres Menschenbild

Die Frage nach den „guten Menschen“ ist ein Leitmotiv dieser oft ins Surreale oder Parabelhafte zugespitzten Geschichten. Dem düsteren Menschenbild Flannery O'Connors entsprechend muss es sich dabei allerdings um eine beinahe ausgestorbene Spezies handeln. Die zehn Geschichten erzählen von alleinstehenden Farmerinnen, uralten Südstaatengenerälen, vernachlässigten Kindern, von Kriminellen, Wunderheilern und Wanderarbeitern, die seit der großen Depression unterwegs zu sein scheinen.

Die Figuren Flannery O'Connors sind wunderliche, misstrauische und öfter ziemlich hinterhältige Charaktere. Man darf ihnen wirklich nicht trauen, etwa dem zunächst etwas einfältig wirkenden Bibelverkäufer in der Meistererzählung „Anständige Leute vom Land“.

Eine anrührende Liebesgeschichte scheint sich da zu entwickeln, zwischen diesem offenbar grundanständigen Mann und der einbeinigen Philosophin Joy, die ihren Namen angesichts der Behinderung als Hohn empfindet und lieber Hulga heißen möchte – das klinge angemessen unschön, findet sie. Der nette Bibelverkäufer aber lässt sich von Äußerlichkeiten nicht stören. So scheint es zumindest, bis er sich im makabren Finale als Prothesenfetischist entpuppt und der klugen jungen Frau, die diesmal doch nicht klug genug war, das Holzbein klaut.

Der Stoff ist aktueller denn je

Dass O'Connors Erzählungen jetzt wiederentdeckt werden in Deutschland, hat auch damit zu tun, dass ihre zentralen Themen – das Misstrauen gegenüber Fremden und Migranten, der Rassismus, das evangelikal-ultrakonservative Amerika der Südstaaten – im Zeichen der Flüchtlingskrise und des Trumpismus gerade wieder sehr brisant und aktuell wirken.

Bei Lektüre der langen Erzählung „Der Flüchtling“ wird einem geradezu schwindlig im Spiegelkabinett der Vorurteile und Ressentiments. Auch hier ist der Schauplatz eine kleine Farm, auch hier wird das „Idyll“ vom ländlichen Süden aufgestört durch „Eindringlinge“,  ohne welche die knorrige Mrs. McIntyre ihr Gut allerdings nicht bewirtschaften könnte. Neuerdings hat sie einen Holocaust-Flüchtling aus Polen beschäftigt.

Geht es aber nur darum, die Borniertheiten und Selbstgerechtigkeiten typischer Südstaatler aufzuspießen – damit wir uns bei der Lektüre wieder einmal besser fühlen? Wer Flannery O’Connor auf diese Weise für eine heutige Moral instrumentalisierte, würde einer anderen Form der Selbstgerechtigkeit in die Falle gehen. Die Südstaaten sind für sie keine verächtliche Welt, sondern ein repräsentatives Spielfeld des Menschlichen und seiner Versuchungen. Alabama ist überall.

Die Erzählungen bringen Bewegung in eine verfestigte Welt

Vor allem bekommt hier eben auch die andere Seite ihr Fett weg. In der kafkaesk anmutenden Erzählung „Die Lahmen werden die Ersten sein“ wird ein Gutmensch aufs Korn genommen, ein Sozialpädagoge. Seinen eigenen Sohn, den er für verwöhnt und unintelligent hält, behandelt er mit irritierender Lieblosigkeit, während er all seine Fürsorge und Zuneigung dem polizeibekannten Problemjugendlichen Rufus Johnson zuwendet, bei dem er viele verkannte Talente schlummern sieht. Er nimmt ihn sogar zu sich ins Haus auf, um seinem Sohn das Teilen beizubringen – das Desaster ist vorprogrammiert.

Der Teufel ist eine dramatische Notwendigkeit

Der üble Rufus mit dem Klumpfuß wirkt wie eine Allegorie des Bösen. Flannery O'Connor wedelt allerdings nie mit dem moralischen Zeigefinger, vielmehr ist den grotesken Bösewichten ihrer Geschichten eine subversive Sympathie sicher: weil sie Kräfte der Auflösung sind und Dynamik in die althergebrachte, verfestigte Welt bringen. Die Literatur, meinte sie einmal, könne nicht „in einem Klima gedeihen, in dem der Teufel nicht wahrgenommen wird“ – dieser sei vielmehr eine „dramatische Notwendigkeit für den Schriftsteller“.

Das sagte eine Autorin, die zwar die religiöse Heuchelei aufgespießt hat, aber selbst eine gläubige Katholikin war und sich täglich zur Messe fahren ließ. Ihre Moral mag nicht von dieser Welt sein; ihre Erzählungen sind dagegen eine Welt für sich, die es unbedingt zu entdecken lohnt.

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