Kommentar Unglück eines Wirrkopfs: Peter Handke und seine Kritiker

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18:40 Uhr
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SWR2

Die Erregungsgemeinschaft der sozialen Netzwerke trifft auf einen Literaturnobelpreisträger. Legt ihm frühere Äußerungen zur Last, die er teilweise längst korrigiert hat. Stößt aber auch auf einen Dichter, der mit narzisstischer Empfindlichkeit auf die Vorhaltungen reagiert und sich mit Fäkalsprache weitere Nachfragen verbittet. Am schlechten Verhältnis zwischen Peter Handke und der Öffentlichkeit sind beide Seiten nicht unschuldig. Ein Kommentar von Knut Cordsen.

Verwirrung in der Schwedischen Akadmie über Peter Handke

Wie jetzt? Peter Handke sei ein „radikal unpolitischer Autor“, sagt Henrik Petersen, ein schwedischer Übersetzer, der ein externes Mitglieder des Stockholmer Literaturobelpreis-Komitees ist. Mats Malm hingegen, der Ständige Sekretär der Schwedischen Akademie, spricht von „provokanten, unangemessenen und unklaren Aussagen“ Handkes „in politischen Dingen“ Ein unpolitischer Autor, der sich politisch provokant äußert?

Man merkt den Stellungnahmen aus Stockholm an, dass die Verwirrung groß ist. Sie wird nicht geringer dadurch, dass sich im Mikromeinungsmitteilungsdienst Twitter und auf Facebook seit Tagen viele zum Richter über den Dichter erheben, ohne seine Schriften zu kennen. Vielleicht trägt es zur Versachlichung der völlig aus dem Ruder gelaufenen Debatte um den Schriftsteller Peter Handke bei, wenn man sich zur Abwechslung seinen Texten zuwendet. 2015 schon veröffentlichte Handke in seinem Buch „Tage und Werke“ den „Versuch einer Antwort“ auf seine Kritiker: „Hören wir einander endlich an, statt uns aus feindlichen Lagern anzubellen und anzuheulen.“ So beginnt Peter Handkes Replik.

Peter Handke: Srebrenica schlimmstes Verbrechen gegen Menschlichkeit

Es lohnt nachzulesen, was der „Hohe Idiot“ und „Irrläufer“, als den sich Peter Handke 2016 in seinem „dramatischen Selbstgespräch“ „Die Unschuldigen, ich und die Unbekannte am Rand der Landstraße“ bezeichnet hat, dort über das Massaker von Srebrenica 1995 schreibt: „Ich wiederhole ... voller Wut auf die serbischen Verbrecher, Kommandanten, Planer: Es handelt sich bei Srebrenica um das schlimmste ,Verbrechen gegen die Menschlichkeit‘, das in Europa nach dem Krieg begangen wurde.“ Ein Apologet serbischer Kriegsverbrechen würde so etwas kaum schreiben.

Gleichzeitig räumte Handke hier die, Zitat, „Dummheit“ ein, „in dem Durcheinander in meinem Kopf“ den fatalen Satz gesagt zu haben, „,die Serben sind noch größere Opfer als die Juden ...‘“ Handke hat sein Fernsehstatement damals sofort schriftlich korrigiert - die Richtigstellung wurde seinerzeit publiziert und akzeptiert. „Warum jetzt nicht mehr?“, so fragte Handke 2015. Diese Frage darf man direkt weitergeben an die Erregungsgemeinschaften in den sogenannten sozialen Medien, die in Peter Handke das inkarnierte Böse ausgemacht haben wollen.

Handke nicht exkulpieren, aber auch nicht vorverurteilen

Es geht nicht darum, den Autor zu exkulpieren oder seine eingestandenen politischen Torheiten kleinzureden, wohl aber darum, den von Handke nicht zu Unrecht so genannten „Rundinformierten“, die so informiert dann leider oft doch nicht sind, Fakten entgegenzuhalten. Keiner muss jenen „Nuancen-Mord“, den Peter Sloterdijk in Diskussionen immer häufiger am Werke sieht, mitmachen.

Handkes Begründung, warum er 2006 in Požarevac am Grab des Kriegsverbrechers Slobodan Milošević sprach, überzeugt nicht. Sie lautete noch 2015: „Es war eine Sprache, die mich auf den Weg brachte ... nicht eine Loyalität zu Slobodan Milošević, sondern die Loyalität zu jener anderen, der nicht journalistischen, der nicht herrschenden Sprache“. Und doch wird man ihm das Recht nicht absprechen können, die Sprache zu wählen, die ihm die einzig angemessene zu sein scheint für die Tragödie auf dem Balkan.

Handke stellte in seiner Literatur schon immer lieber Fragen und versuchte die Dinge anders wahrzunehmen. Dass dies auch eine Wirrköpfigkeit mit sich bringen kann, ist das Unglück von Peter Handke. So mag man seinem im „Versuch einer Antwort“ formulierten Wunsch folgen, der lautet: „Verbreitern wir die Öffnung. Auf dass die Bresche nie wieder von schlimmen oder vergifteten Worten verstopft werde.“

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