Literatur Natascha Wodin erhält den Hilde-Domin-Preis für Literatur im Exil

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12:33 Uhr
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SWR2

Der Hilde-Domin-Preis ist eine Literaturauszeichnung für Autorinnen und Autoren, die sich mit dem Thema Exil literarisch auseinandersetzen. Er wird alle drei Jahre von der Stadt Heidelberg vergeben und ist mit 15.000 Euro dotiert. Natascha Wodin ist die Tochter russischer Zwangsarbeiter. In ihrem Roman „Sie kam aus Mariupol“ schreibt sie über das Leben ihrer Mutter. Exil sei ihr Lebensthema, sagt die Autorin.

„Ich war im Exil meiner Eltern gefangen“

Als Natascha Wodin erfuhr, dass sie den Hilde-Domin-Preis für Literatur im Exil erhält, habe sie erst einmal ein schlechtes Gewissen gehabt. Denn eigentlich habe sie ja nie im Exil gelebt, sie sei Deutschland geboren und aufgewachsen.

„Aber natürlich war ich in dem Exil meiner Eltern gefangen, lange Zeit. Das Exil bestand für mich nicht in Bezug auf Russland, denn das kannte ich ja gar nicht. Sondern es war dieses Draußen-Sein. Also Deutschland war das eigentliche Land und wir waren aber immer draußen. Das war eine Urerfahrung meiner Kindheit, dass ich nicht dazugehöre, dass ich irgendwie gar nicht zu den Menschen gehöre.“

Die Mutter ertränkt sich, der Vater ist gewalttätig

Als Wodin zehn Jahre alt war, ertränkte sich ihre Mutter. Die Beziehung zu ihrem Vater war geprägt von Gewalt. Teile ihrer Kindheit und Jugend verbrachte sie in unterschiedlichen Heimen. Die heute knapp 74-jährige Autorin hat lange gebraucht, um einen Umgang mit ihren Traumatisierungen zu finden.

„Da hat mich wirklich das Schreiben gerettet. Das Formulieren war so wichtig. Wenn ich etwas formulieren konnte, dann war das schon so ein bisschen gebannt. Dann war die Gefahr nicht mehr so groß.“

Natascha Wodin im Gespräch

Preis der Leipziger Buchmesse für „Sie kam aus Mariupol“

Erst mit fast vierzig Jahren machte sie das Schreiben zu ihrem Beruf. Davor arbeitete sie lange Zeit als Russisch-Dolmetscherin. Ihre Romane gehen meist von einem autobiografischen Kern aus. Sie schreibt darin beispielsweise über ihre schwierige Jugend oder ihre Ehe mit dem Schriftsteller Wolfgang Hilbig. Ihr Roman „Sie kam aus Mariupol“ über das Leben ihrer Mutter war ein Bestseller und wurde 2017 mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet.

„Dann habe ich den Namen meiner Mutter ins russische Internet eingegeben, und man stelle sich vor: Eine völlig unbedeutende junge Frau, die sich vor sechzig Jahren in Deutschland das Leben genommen hat, ist plötzlich im russischen Internet.“

Wodin rettet sich selbst durch das Schreiben

Nach und nach konnte Natascha Wodin die ziemlich schillernde Familiengeschichte mütterlicherseits rekonstruieren.

Mit dem Aufschreiben dieser Geschichte scheint die Autorin Boden gewonnen zu haben. Sie sei ruhiger geworden, meint sie, habe seitdem auch weniger Angst bei Lesungen. Mit Hilfe von Sprache hat sie es offenbar es geschafft, ihrem Lebensthema Exil ein Stück weit zu entkommen.

„Ich weiß nicht, was mit mir geworden wäre, wenn ich die Sprache nicht gehabt hätte. Also die deutsche Sprache, die irgendwie ja auch genauer und ein bisschen kälter ist als die russische Sprache. Sprache ist für mich – na sagen wir mal das verschlissene Wort: Heimat. Eine Heimat, die ich nicht verlieren kann. Das ist der Vorteil. Die kann ich überall mit hinnehmen.“

Natascha Wodin im Gespräch
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